Sport : Das Gute im Bösen

Mike Tyson versucht mal wieder ein Comeback

Hartmut Scherzer[Washington]

Es ist Pressekonferenz im Lincoln Theater von Washington. Mike Tyson wirbt für sein x-tes Comeback am heutigen Samstag gegen den Iren Kevin McBride. Die Medien staunen. Mike Tyson kommt nicht mehr als der grimmige Bösewicht daher, der vor drei Jahren noch bei einem ähnlichen Anlass in eine wilde Prügelei startete und Lennox Lewis in den rechten Oberschenkel biss. Nun sitzt ein scheinbar geläuterter Mensch vor den Reportern, ein sorgender Familienvater, begleitet von seinen drei kleinen Kindern aus zweiter Ehe.

„Es ist wunderbar, ich bin wieder so glücklich“, sagt der Mann, der einmal als der Inbegriff des Bösen galt. Sein bisheriges Leben widere ihn an. Er sei ein Einzelgänger, den niemand ändern könne. Außer er selbst. „Jetzt soll damit Schluss sein. Trotz all der bizarren Dinge, die ich getan habe, bin ich nicht verrückt, wie die Leute immer noch glauben. Ich bin ein sehr rational denkendes Individuum.“ Eine Therapeutin versucht, ihm dabei zu helfen. „Es ist Zeit, dass er erwachsen wird“, sagt Marilyn Murray.

So kannte die Welt Mike Tyson bisher: Der einst jüngste aller Champions im Schwergewicht war ein durchgeknallter Haudrauf, ein von Drogen und Sex, von Verschwendung und Depressionen gegeißelter Psychopath. Die Folgen: Gefängnisstrafe wegen Vergewaltigung, Sperre wegen Ohrbeißens, Therapien wegen Depressionen und Sexsucht. Ein Mann, der seinem einstigen Gegner Lennox Lewis öffentlich drohte, ihm das Herz herauszureißen und seine Kinder zu fressen. Dabei hat Lewis gar keinen Nachwuchs. Tyson war schon lange kein Mythos mehr, sondern nur ein Monster. Geschätzte 400 Millionen verprasste Dollars, 115 gekaufte Luxusautos, von denen ihm ein Rolls-Royce blieb, ein Offenbarungseid, zwei geschiedene Ehen, sechs Kinder, darunter drei uneheliche, runden das Bild vom verpfuschten Leben ab.

Das neue Leben soll nun dort beginnen, wo die Karriere beendet schien: im Ring. Hier allerdings werde die Welt „keinen neuen, sondern den alten Tyson erleben“, sagt sein neuer Trainer Jeff Fenech. Seit über zwei Monaten hat Tyson in Phoenix trainiert, angeblich so intensiv wie selten. „Es ist schon merkwürdig. Ich tue jetzt all die Dinge, die ich hätte tun sollen, als ich jünger war. Ich arbeite viel härter.“

Drei Wochen vor seinem 39.Geburtstag, zwanzig Jahre nach dem ersten seiner 57 Kämpfe (50 Siege, 44 durch K.o., fünf vorzeitige Niederlagen, zwei Kämpfe ohne Wertung) kehrt also die immer noch schillernste Figur des Schwergewichts zurück. Es soll ein erster Schritt auf dem Weg zurück zu einem Titel sein. Wie sehr die Szene immer noch auf Mike Tyson setzt, verdeutlicht dessen Kampfbörse: Obwohl er zwei seiner letzten drei Kämpfe in den vergangenen drei Jahren durch K.o. verlor, kassiert der angeblich mittellose Boxer stattliche 6,7 Millionen Dollar – weit mehr als die Weltmeister bei ihren Titelkämpfen.

Gefragt, wie lange er noch boxen werde, antwortet Mike Tyson milde lächelnd: : „Lange genug, um für meine Kinder zu sorgen.“ Angesichts seines angeblichen Schuldenstands von 40 Millionen Dollar kann das noch eine ganze Weile sein.

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