Sport : Das heimliche Herz der Spiele

Benedikt Voigt

Am Kaffeeumsatz erkennt man in Italien ein gutes Café. Das „Torteria“ in Sestriere zählt daher auch an nichtolympischen Tagen zu den besseren Orten für Heißgetränke. 500 Capuccini und Espressi gehen hier an einem normalen Wochentag über die Theke. Seitdem die Olympischen Winterspiele in den auf 2035 Metern Höhe gelegenen Ort eingezogen sind, servieren die Kellner jeden Tag 2000 Capuccini und Espressi.

Das „Torteria“ ist das heimliche, koffeinlastige Herz der Olympischen Winterspiele von Turin. Die Kellner tragen grüne Schürzen, auf denen sie die olympischen Anstecknadeln sammeln. Die obere Hälfte der Schürze ist voll, sie müssen schon die halbe Welt bedient haben.

Auch dem amerikanischen Olympiasender NBC ist dieser Ort bereits aufgefallen. Abends schickt er sein Moderatorenteam in das Café. Sie trinken Cappuccino und lassen sich dabei filmen. Einer taucht sein Gesicht in den Milchschaum, er wirkt wie ein Clown mit weißer Nase. Bleibt für sie zu hoffen, dass die amerikanischen Fernsehzuschauer das ebenso lustig finden. Die beiden Moderatoren lachen. Am nächsten Morgen wird es ernster. Drei österreichische Journalisten diskutieren über die Figur, die der Präsident des Österreichischen Skiverbandes (ÖSV) in dem Dopingfall abgibt. Einer sagt: „Der ÖSV ist die letzte lebendige Diktatur dieser Welt.“ Jetzt lachen sie auch.

Die Laune steigt im „Torteria“. An der Wand hängt ein Trikot des italienischen Gehers Ivano Brugnetti. Auch dem Olympiasieger über 20 Kilometer von Athen hat es hier gefallen. „An meine Freunde in der Torteria“, hat er auf das Trikot geschrieben. Seine Freunde singen jetzt. Zwei Barmänner trällern das Lied „Notte a Sorpresa“ von der italienischen Gruppe Pooh. Die Gäste strahlen. Später wird eine Helferin sagen: „Im Torteria sind alle ein bisschen verrückt.“ Gut so.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben