Sport : Das Herrengedeck

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Für den Fan ist es mit seiner Fußballmannschaft wie mit den Eltern. Man sucht sie sich nicht aus. Und man liebt sie, selbst wenn man sich manchmal für sie schämt. Es ist keine Kunst, KölnFan zu sein oder Anhänger von St. Pauli. Die Fankultur dieser Vereine hat Stil. In Köln identifiziert sich eine ganze Stadt mit dem FC, in den Fangesängen steckt Humor mit Hang zur Selbstironie, am Spielfeldrand steht ein lebendiger Geißbock. Der Totenkopf von St. Pauli ist ein angesagtes Modeaccessoire, der Präsident extrovertiert schwul, und Pauli-Fans haben ihre Mannschaft noch nie ausgepfiffen. Sich zu diesen Klubs zu bekennen, ist wie Wohnen in Prenzlauer Berg: Man steht automatisch auf der Seite der Coolen und Korrekten.

Aber was tun, wenn man Hertha-Fan ist? Hertha. Wo Frank Zander die Stadion-Hymne „Nur nach Hause“ zur Melodie von Rod Stewarts „Sailing“ singt. Wo die unbeseelteste Radiostation der Welt, RS2, als Partnersender vor jedem Heimspiel Gröl-Karaoke veranstaltet. Wo ein dicker Brummbär namens „Herthinho“ rumläuft und kleinen Kindern auf den Kopf tatscht. Wo das Fanartikel-Heft aussieht wie ein Katalog von Adler oder Deichmann. Wo es vom Hintermann „Setz dir hin, ick seh nischt, du Arsch!“ tönt, weil man aufgestanden ist, nachdem der Stadionsprecher „Steht auf, wenn ihr Herthaner seid!“ paroliert hat.

Wenn man nun bekennt, als Fan zu diesem Verein zu gehören, dann ist das wie früher, als Mutter jeden zweiten Donnerstag in der Schule mit Milchverkauf dran war und immer das alte, gelbe selbstgestrickte Kleid trug. Man schämte sich ein wenig. Aber es ist eben Mutter, die man sofort inbrünstig anfeuern würde, wenn sie gegen die modebewussten Model-Mütter zum Schlammcatchen in den Ring steigen müsste. Sie zudem nicht trotz, sondern wegen ihres ranzigen Strickkleides zu lieben – das ist die Kür.

So geht es mir mit Hertha. Ich habe es mir nicht ausgesucht, Hertha-Fan zu sein, es ist passiert. Zwar erst vor vier Jahren, aber nur, weil ich vorher generell nicht an den Fußball herangeführt wurde. Bis mich mein Patenkind 2001 mit ins Olympiastadion nahm. Dort geschah es. Fußball-Fans wissen, dass man das Wie und Warum nicht erklären kann. Jedenfalls arbeite ich seither daran, nicht nur Zecke und Madlung, sondern auch Frank Zander gleich mitzulieben, zu akzeptieren, dass Hertha nun mal nach Herrengedeck Westberliner Eckkneipen riecht, und das als den Duft der angestrebten Champions League wahrzunehmen. Das ist das Ziel dieser Lektionen. Es bringt nichts, neidisch nach England zu gaffen, wo Fußball Teil erstklassiger Popkultur ist und aus den Jukeboxen der Fankneipen Oasis, Lightning Seeds und Gorillaz dringen. Deutsche Fußball-Fanfamilien hören halt Drafi Deutscher und Ben. Hertha-Fanfamilien sogar RS2.

Man könnte natürlich losziehen und die Band Seeed fragen, ob sie nicht eine neue Hymne für die Hertha schreiben will, weil sie auch aus Berlin kommt, sich ebenfalls multikulturell zusammensetzt und gute Musik macht. Aber dann würde man der Hertha ein genauso falsches neues Gesicht aufstülpen, wie es derzeit das Marketing versucht. Hertha ist nicht „play berlin“, der weltoffene Hauptstadtklub, sondern das Charlottenburg-Spandau-Ballett mit ein paar genialen Brasilianern und Kroaten und einem knappen Dutzend Berlinern im festen Kader, den meisten einheimischen Spielern in einem Bundesligaverein. Hertha ist Currywurstbude am Ku’damm und muffiger Taxifahrer und nicht sonnenbebrilltes Haar-Gel aus Mitte. Das gilt es von nun an lieben zu lernen.

Christian Ulmen, 29, ist Schauspieler und Hertha-Fan. Immer am Tag eines Hertha-Heimspiels erscheint seine Kolumne an dieser Stelle.

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