Sport : Das Herz der Volleys

Scott Touzinsky hält das Team zusammen – auch im Duell mit Friedrichshafen.

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Rechnung offen. Scott Touzinsky will heute gegen Friedrichshafen gewinnen. Foto: Imago
Rechnung offen. Scott Touzinsky will heute gegen Friedrichshafen gewinnen. Foto: ImagoFoto: imago/City-Press

Berlin - Am Konferenztisch in einem Berliner Hotel am Alexanderplatz offenbart sich der Unterschied zwischen einem Teamkapitän und einem Führungsspieler. Der Kapitän unterbricht sein Interview und sagt: „Können wir einen Moment Pause machen? Wir müssen für ein Mannschaftsfoto vor das Hotel – ich bin gleich zurück.“ Scott Touzinsky hatte während seines Gesprächs beobachtet, wie seine Teamkollegen von den Berlin Volleys tatenlos im Raum saßen und warteten. Er steht auf und verlässt mit allen Spielern den Raum – bis auf Robert Kromm. Der Berliner Führungsspieler sitzt immer noch am Tisch und gibt ein Interview.

Touzinsky ist das Herz der Berlin Volleys. Der aus St. Louis stammende US-Amerikaner hat nicht nur die Termine, sondern auch die Stimmung im Blick. „Er ist ein sehr sozialer Typ“, lobt ihn Volleys-Trainer Mark Lebedew, „ich habe schon in Belgien in Lennik mit ihm zusammengearbeitet, da hatten er und seine Frau eine ähnliche Rolle im Team.“ Doch der 31 Jahre alte Außenangreifer kann auch etwas auf dem Volleyballfeld, wie nicht nur seine Goldmedaille mit den USA bei den Olympischen Spielen 2008 beweist. Diese weilt in einem Banksafe in den USA, nur wenn er Volleyball-Camps gibt, holt er die Medaille heraus. „Die Kids dürfen die Medaille umhängen, aber nicht küssen“, sagt Touzinsky, „ich will der einzige bleiben, der sie geküsst hat.“

Der US-Amerikaner ist gemeinsam mit Robert Kromm der erfahrenste Spieler bei den Berlinern. „Das sieht man vor allem in den großen Spielen“, sagt Trainer Mark Lebedew. Also in Spielen wie jenem am Sonntag (16 Uhr, Max-Schmeling-Halle), wenn der Deutsche Meister in der Bundesliga den Tabellenführer, Dauerrivalen und Pokalfinalgegner Friedrichshafen empfängt.

„Das Duell mit Friedrichshafen ist für mich auch ein bisschen eine persönliche Angelegenheit“, sagt Scott Touzinsky. In seiner ersten Saison in Berlin 2010/11 verlor er das Meisterschaftsfinale gegen Friedrichshafen glatt mit drei Niederlagen in Folge und wurde vom Berliner Manager Kaweh Niroomand weggeschickt. Ein halbes Jahr lang spielte er in Puerto Rico, dann holten ihn die Volleys zurück – und gewannen prompt den Meistertitel.

„Wir haben uns in jedem Jahr, in dem ich hier bin, verbessert“, sagt Scott Touzinsky. Das gelte vor allem für das Training, in dem die zweiten sechs Spieler die ersten fordern. „Wir spielen jetzt nicht mehr in jedem Training gegen Düren, sondern gegen Haching“, sagt Touzinsky. Und weil er zum ersten Mal in seiner Berliner Zeit verletzungsfrei spielt, hat er sich auch selber gesteigert. „Wir sehen einen anderen Scott als in den letzten zwei Jahren“, sagt Trainer Lebedew.

Nur die Ergebnisse spiegeln das gestiegene Niveau noch nicht so richtig wieder. In der Bundesliga kassierten die Berliner schon zwei Niederlagen, darunter das glatte 0:3 in Friedrichshafen. „Wir haben im letzten Jahr die Latte mit nur einer Niederlage in der Bundesliga vielleicht ein bisschen zu hoch gelegt“, sagt Touzinsky, „die zwei Niederlagen haben aber auch mit unseren neun Auswärtsreisen zu Saisonbeginn zu tun.“ Auch bei den beiden 0:3-Niederlagen in der Champions-League gegen Kasan blieben die Berliner hinter dem Vorjahresergebnis zurück. Dafür haben sie zum ersten Mal seit neun Jahren wieder das Pokalfinale am 2. März gegen Friedrichshafen erreicht.

In Pokal und Meisterschaft läuft alles erneut auf das Dauerduell Friedrichshafen gegen Berlin hinaus. Die Berliner besitzen noch eine Chance auf den ersten Platz in der Hauptrunde, dazu muss allerdings das Spiel am Sonntag gewonnen werden. Touzinsky traut dem Team viel zu. „Wir spielen nicht miteinander, sondern füreinander“, sagt er, das gebe es nicht oft. Was sicherlich auch sein Verdienst ist. Die Mannschaft wisse auch, dass sie in dieser Formation womöglich nicht mehr lange zusammenspiele, sagt Touzinsky, „vielleicht geht im Sommer jemand weg, vielleicht im nächsten Jahr“.

Sein eigener Vertrag läuft im Sommer aus, allerdings besitzt das Berliner Management die Option, um ein Jahr zu verlängern. Scott Touzinsky würde gerne bleiben, seine Frau und sein dreijähriger Sohn fühlen sich in Berlin sehr wohl. Auch sein gestiegenes Alter von demnächst 32 Jahren spricht eher für ihn als dagegen. „Wir haben gerade gegen einen 40-Jährigen verloren“, erinnert Lebedew an die Duelle mit Kasans Nikola Grbic.

Des Trainers Wertschätzung für seinen Kapitän ist auch in dessen Wohnung zu entdecken. Dort hängt ein Poster vom entscheidenden Punktgewinn zum Meistertitel 2012. Auf dem ersten Foto blockt ein Berliner Spieler einen Hachinger Akteur, auf dem zweiten Foto fällt der Ball zu Boden. Der Berliner Spieler ist Scott Touzinsky, der Mann für die wichtigen Spiele.Benedikt Voigt

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