Sport : „Das heutige Team hat Ähnlichkeit mit unserem“

Herthas Legende Erich Beer erinnert sich daran, wie er 1975 zwei Tore beim 4:1 gegen die Bayern schoss

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Foto: Imago

Herr Beer, es ist ziemlich ruhig um Sie geworden. Wie geht es Ihnen denn so ganz ohne Fußball?

Sehr gut. Seit Januar bin ich ja nun offiziell Rentner, aber langweilig wird mir nicht. Ich spiele regelmäßig Tennis, fahre Fahrrad oder gehe mit meiner Frau wandern. Nur Fußball ist nach meiner Knieoperation nicht mehr möglich.

Verfolgen Sie noch die Bundesliga, insbesondere die Spiele von Hertha BSC?

Ja, regelmäßig. Ich versuche, Hertha so oft wie möglich live zu sehen. Sechs bis acht Mal schaffe ich es meistens pro Saison ins Stadion. Das letzte Mal war ich beim Uefa-Cup-Spiel gegen Galatasaray da. Zum Spiel gegen die Bayern wäre ich auch gern gekommen, Michael Preetz hatte mich eingeladen. Aber ich fliege vorher in den Urlaub.

Hertha steht momentan so gut da wie schon lange nicht mehr. Haben Sie der Mannschaft diese Entwicklung zugetraut?

Ehrlich gesagt nicht. Platz fünf bis sechs hielt ich vor der Saison für realistisch.

Warum ist das Olympiastadion dennoch so selten voll?

Der Berliner kennt nur Extreme. Entweder ganz gut oder ganz schlecht. Meisterschaft oder Abstiegskampf, das zieht. Mittelmaß interessiert keinen Berliner. Wenn die Mannschaft weiter oben bleibt, kommen ganz sicher auch wieder mehr Zuschauer ins Stadion.

Wo liegen Ihrer Meinung nach die Gründe für den sportlichen Erfolg?

Hertha spielt ein System, gegen das sich jede Mannschaft schwertut. Das sieht vielleicht nicht immer schön aus, ist aber unheimlich effektiv. Die Raumaufteilung ist hervorragend und die zwei defensiven Mittelfeldspieler Kacar und Dardai geben dem Team viel Stabilität. In der Verteidigung spielen Simunic und Friedrich ebenfalls eine starke Saison, und vorne ist man immer für ein Tor gut. Es ist sicher ein Vorteil, dass Lucien Favre auswärts wie zu Hause das gleiche System spielen lässt. Aber wissen Sie, was sich noch negativ auswirken könnte?

Was denn?

Der Zwist zwischen Favre und Pantelic. So ein Torjäger ist nicht an jeder Ecke zu finden. Man müsste sich da einigen. Allerdings kenne ich den Pantelic nicht persönlich und weiß nicht, wie schwierig er ist.

Hertha steht momentan ähnlich erfolgreich da wie vor 34 Jahren. Damals, am 1. Februar 1975, wurden die Bayern mit 4:1 aus dem Olympiastadion gefegt, Sie haben zweimal getroffen. Welche Erinnerungen haben Sie an dieses Spiel?

Ich erinnere mich sehr gut daran, gegen Bayern gewinnt man ja nicht jeden Tag.

Mit Sepp Maier, Franz Beckenbauer und Gerd Müller standen auf Bayern-Seite drei Weltmeister auf dem Platz. Waren Sie überrascht, wie leicht es die Münchener ihrer Mannschaft dann machten?

An diesem Tag ging bei uns einfach alles, bei den Bayern dagegen nichts. Die hatten zu der Zeit Probleme und standen auch in der Tabelle nicht gut da.

Gerd Müller legte Ihnen unmittelbar nach der Pause mit einem Rückpass das 2:1 unfreiwillig auf. Haben Sie sich später bei ihm bedankt?

(lacht) Nein, das habe ich mich nicht getraut. Der Gerd Müller war jemand, vor dem ich Respekt hatte.

Auch vor der Saison 1974/75 hatten Hertha nur wenige auf der Rechnung.

Es gab keine überragenden Einzelspieler, alles war sehr homogen. Wir hatten eine starke Abwehr um Luggi Müller und Uwe Kliemann, dazu ein lauffreudiges Mittelfeld und in Lorenz Horr und Kurt Müller uneigennützige Stürmer. An denen hätte auch Lucien Favre seine Freude gehabt. Insgesamt haben wir als Mannschaft gut funktioniert.

Das klingt nach Parallelen zur heutigen Mannschaft.

Eine gewisse Ähnlichkeit besteht schon. Allerdings waren wir offensiver. Dafür ist die heutige Mannschaft disziplinierter.

Nach dem Sieg über die Bayern standen sie nach dem 19. Spieltag punktgleich mit Mönchengladbach und Kickers Offenbach an der Tabellenspitze. Warum hat es am Ende nicht zur Meisterschaft gereicht?

Das habe ich mich auch oft gefragt. Wir waren wohl auswärts einfach zu schwach. Dazu kam, dass die Gladbacher auch ziemlich souverän auftraten und sich im Gegensatz zu uns keine Patzer erlaubten. Vielleicht konnten wir auch mit dem Druck, der immer größer wurde, je näher das Saisonende rückte, nicht umgehen.

Ihr Tipp für heute?

Hertha gewinnt 2:1.

Das Gespräch führte Sebastian Stier.

Erich Beer, 62, spielte zwischen 1971 und 1978

253 Mal für Hertha. Mit 83 Toren war der offensive Mittelfeldspieler lange Herthas Rekordtorschütze. Beer lebt in München.

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