Sport : Das Idol lebt weiter

Der Tod des Radprofis Marco Pantani bewegt Italien bis heute – Drogendealer werden angeklagt, und die Familie kommt nicht zur Ruhe

Vincenzo Delle Donne[Cesenatico]

Marco Pantani ist tot, und er lebt. Die Erinnerung an seine Triumphe ist lebendig. Sein Grab auf dem Friedhof von Cesenatico ähnelt einem Mausoleum. Ein Foto, das ihn im Gelben Trikot der Tour de France zeigt, schmückt sein Grab. Der Ort ist zur Pilgerstätte für die Radsportfans Italiens geworden. Vittorio Savini gehört zu ihnen. Als sein Freund gründete er einst den Fanklub „Magico Pantani“.

Der Fanklub besteht fort. Savini hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Andenken Pantanis zu bewahren. Wie zuletzt in Verona, wo er offiziell das Talent Damiano Cunego zu Pantanis Erben erklärte. Vergessen sind die Umstände, die Pantani, das Idol, in diesem Jahr in den Tod trieben. An seinem letzten Lebenstag hatte er Zuflucht in Drogen gesucht.

Wie so oft vor dem 14. Februar 2004. Er fühlte sich von Familie und Freunden im Stich gelassen. Von Mailand kommend war er in einem Apartmenthaus in Rimini abgestiegen. Er wollte von seiner Familie unbehelligt bleiben und fuhr deshalb nicht in seine Luxusvilla im nahen Cesenatico. Mit der Familie hatte er sich wegen seiner Kokainsucht und seines exzessiven Lebensstils überworfen.

Mutter Tonina und Schwester Manola hatten vergeblich auf ihn eingeredet, zu einem geregelten Leben zurückzukehren. Vater Paolo hatte ihm seine Konten sperren lassen. Pantani war auch von seiner langjährigen dänischen Freundin Kristin verlassen worden.

Irgendwie hatte Pantani Geld aufgetrieben, um sich beim neapolitanischen Drogendealer Fabio Miradossa erneut 30 Gramm Kokain zu besorgen. Miradossa versorgte ihn seit Monaten mit Stoff. Bei Fabio Carlino, der in Rimini eine Vermittlungsagentur für Gesellschaftsdamen betrieb, „bestellte“ er die 30-jährige Nachtklubtänzerin Elena Korowina. Mit ihr verbrachte Pantani seine letzte Nacht.

Der einst hagere Junge mit den abstehenden Ohren hatte sich verändert: Von seiner Kokain- und Tablettensucht gezeichnet, wog Pantani jetzt gut 90 Kilogramm. Als Elena ihn verließ, verbarrikadierte er sich im Apartment und hatte einen Tobsuchtsanfall. Die Nachbarn beschwerten sich beim Portier. Als der nach einer Anfrage nichts aus Pantanis Apartment hörte, alarmierte er die Polizei. Sie fand Pantani dort tot auf.

Marco Pantani war mit am Auf- und Abstieg in seinem Leben zerbrochen. „Für mich war er ein Sohn, der zu viele Gefühle zeigte“, sagte Tonina Pantani, als sie ihre Trauer in Worte fassen konnte. Ob er freiwillig aus dem Leben schied, konnten auch die staatsanwaltlichen Ermittlungen nie endgültig klären.

Das Fahrradfahren war Pantanis Welt. Nur dort fühlte er sich zufrieden. Als schmächtiger Junge schwang er sich auf sein Rad, erzählte die Mutter, und radelte fünf Stunden lang über die Hügel der Umgebung: der Anfang einer Radsportkarriere als Kletterspezialist. Eine tragische Zäsur erfuhr sein Leben kurz nach seinem größten Erfolg 1998. Mit 26 Jahren hatte er das legendäre Double geschafft: Er gewann den Giro d ’Italia und die Tour de France – wie einst sein Idol Fausto Coppi.

Kaum ein Jahr später begann sein Absturz. Vor der vorletzten Giro-Etappe, in Führung liegend, wurde Pantani wie auch die anderen Führenden zur Dopingkontrolle gebeten. Diese ergab einen Hämatokritwert von 51 Prozent. Er wurde gesperrt. Wie er meinte: ein Komplott gegen ihn. Denn er alleine würde für eine Dopingpraxis bezahlen, die auch seine Konkurrenten praktizierten.

Drei Monate lang verbarrikadierten sich Paolo und Tonina Pantani nach dem Tod ihres Sohnes in der Luxusvilla am Stadtrand. Vor der Tür harrte monatelang die Presse aus. Ihre erste Stellungnahme gaben sie im piemontesischen Biella ab. Sie eröffneten dort das erste Memorial-Rennen für Marco Pantani, an dem sich 1000 Radsportfans beteiligten. Der Erlös ging an die Stiftung „Marco Pantani“. Die Familie tröstete das nicht. „Ich sehe viele Leute, die Marco lieben“, sagte Tonina Pantani, „aber leider kommen mir auch jene ins Gedächtnis, die Marco aus dem Giro geworfen haben“.

Die wahre Lebensgeschichte des Idols, das wegen seines husarischen Fahrstils „Pirat“ genannt wurde, ist bereits schriftlich erschienen. Das Buch, veröffentlicht von seiner Managerin Manuela Ronchi, hat den Titel „Ein Mann reißt aus“. Es basiert auf Aufzeichnungen, die Pantani in seinen letzten Lebensmonaten angelegt hat. Die Filmrechte wurden bereits verkauft, der Erlös soll für die Gründung einer „Pantani Sportschule“ verwendet werden, die die ethisch-moralische Erziehung junger Sportler fördern will.

Der Staatsanwalt von Rimini, Paolo Gengarelli, hat die Ermittlungen um die Umstände von Pantanis Tod inzwischen abgeschlossen. Nun wird er gegen Pantanis Drogendealer und -kuriere Anklage erheben. Der begründete Verdacht lautet: Drogenhandel mit Todesfolge.

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