Sport : Das ist doch seine Kunst

Schalkes Lincoln ragt bei seiner Rückkehr aus einer meisterlich wirkenden Mannschaft heraus

Jörg Strohschein[Mainz]

Dem Künstler sollte gehuldigt werden, also eilte das arbeitende Volk herbei. Sie wollten Lincoln feiern.

Der Schalker Spielmacher hatte gerade den dritten Treffer zum 3:0 (2:0)-Auswärtssieg beim FSV Mainz 05 erzielt. Es war kein entscheidendes Tor mehr, dafür war die Überlegenheit der Schalker, die sich spätestens durch die Treffer von Kevin Kuranyi und Gerald Asamoah in der ersten Halbzeit ausdrückte, zuvor viel zu groß. Mit einem Lupfer über den Mainzer Torhüter Dino Wache aus rund 25 Meter Entfernung hatte Lincoln einen Alleingang technisch höchst anspruchsvoll abgeschlossen. Der Grund für die Huldigung Lincolns durch seine Teamkollegen bestand zum einen natürlich in der Freude über dieses Tor. In diesem Moment schien allen Beteiligten allerdings klar zu werden, dass sich die Chancen im Endspurt um die Deutsche Meisterschaft unter Mitwirkung ihres zentralen Mittelfeldspielers wieder deutlich erhöht haben. Lincoln steht für das Schalke, das endlich titelfähig ist.

Der Brasilianer sprühte nur so vor besonderen Ideen, er strahlte Ruhe am Ball und Präsenz auf dem Feld aus. In den fünf Partien zuvor, als Lincoln wegen einer Tätlichkeit gesperrt war, suchte man einen solchen Akteur in den Reihen der Westfalen vergeblich. Da sah das Schalker Spiel allzu sehr nach harter Arbeit denn nach kunstvoller Unterhaltung aus. „Es war gut, dass Lincoln wieder dabei war. Jetzt sind wir endlich wieder da, wo wir mal waren und auch wieder hinwollten“, befand Kevin Kuranyi, der sich wie die gesamte Mannschaft zu neuer Spielfreude mitreißen ließ. Das sagt viel über die Abhängigkeit vom oft launischen und als schwieriger Charakter geltenden Spielmacher aus.

Lincoln hatte in den Wochen seiner Sperre ein schlechtes Gewissen geplagt. Früh kündigte er Trainer Mirko Slomka an, seiner Mannschaft in den verbleibenden Partien unbedingt noch helfen zu wollen. Er trainierte zweimal täglich, vielleicht auch gegen seine Gewissensbisse. Denn er musste von der Tribüne aus mit ansehen, wie schwer sich seine Kollegen ohne ihn taten und drauf und dran waren, den Vorsprung als Tabellenführer zu verspielen. Mit seiner Rückkehr scheint dieser Trend gestoppt. „Mit Lincoln haben wir wieder mehr Offensivkraft“, lobte Manager Andreas Müller.

Der Brasilianer wandelt oft auf dem schmalen Grad zwischen Genie und Wahnsinn. Beim Spiel in Mainz zeigte er vor allem sein Genie. „In meinem Kopf war die Sperre viel länger als fünf Wochen. Ich habe mich riesig gefreut, wieder spielen zu dürfen“, erzählte Lincoln später. Auch Trainer Mirko Slomka war sichtlich froh, dass er dabei war. „Nicht nur weil wir ein gutes Verhältnis zueinander haben. Sondern weil er eindrucksvoll untermauert hat, wie sehr er der Truppe helfen will.“

Coach Slomka wollte ein perfektes Spiel seiner Mannschaft gesehen haben. Und in der Tat war der Sieg eine eindrucksvolle Demonstration der neuen Schalker Stärke. Allerdings war der Gegner auch eine ängstliche Mainzer Mannschaft, von der ihr Trainer Jürgen Klopp später sagen sollte, dass „diese Leistung viel zu wenig war“. Das Zustandekommen der vierten Niederlage der Rheinhessen in Folge brachte eine gewisse Desillusionierung in Mainz mit sich.

Sogar die selbst ernannte Spaßgesellschaft auf den Rängen im mit 20 300 Zuschauern ausverkauften Stadion verlor mit zunehmender Spieldauer die Lust am eigenen Team und verweigerte die Unterstützung. Zumindest die Fans schienen sich bereits nach zwei Jahren der Bundesligazugehörigkeit mit der Rückkehr in die Zweitklassigkeit abgefunden zu haben.

Die Anhänger der Westfalen verliehen dagegen ihrem größten Wunsch, der am vorletzten Spieltag dieser Saison wahr werden könnte, lautstark Ausdruck. „Deutscher Meister in Dortmund“, skandierten sie. Lincoln blieb da vorsichtiger. „Ich rede auch weiterhin nicht vom Titel, aber wir sind auf einem guten Weg“, sagte der Künstler und verschwand im Mannschaftsbus.

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