Sport : „Das ist eine große Show um nichts“

Jochen Schümann, erfolgreichster deutsche Segler, lehnt den neuen America’s Cup ab. Er sorgt sich um die Zukunft seines Sports und denkt schon an seinen Rücktritt

Schnellstes Team beim neuen Spektakel. Das Team aus Neuseeland hat das erste Rennen der World Series gewonnen. Foto: AFP
Schnellstes Team beim neuen Spektakel. Das Team aus Neuseeland hat das erste Rennen der World Series gewonnen. Foto: AFPFoto: ddp

Der Segelsport erlebt eine Zeit der Umbrüche: In Deutschland wurde die erste Nationalmannschaft gegründet, beim legendären America’s Cup wird nicht mehr auf Einrumpfbooten gesegelt, sondern auf Katamaranen das große Spektakel versprochen, und im kommenden Jahr könnte Segelikone Jochen Schümann abtreten. Der Tagesspiegel sprach mit dem 57-Jährigen über den Wandel.

Jochen Schümann, Sie engagieren sich nicht nur auf dem Wasser, sondern auch an Land für Ihren Sport. Vor anderthalb Jahren gehörten Sie zu den Initiatoren des „Sailing Team Germany“, der deutschen Segel-Nationalmannschaft. Wie zufrieden sind Sie mit der bisherigen Entwicklung?

Aus wirtschaftlicher Sicht waren wir sehr erfolgreich und haben viele Sponsoren für das Projekt gewonnen. Zudem zeichnet sich ab, dass das Leistungssegeln in den Medien mehr wahrgenommen wird. Wir werden den Fußball nicht verdrängen, uns aber neben anderen Sportarten besser behaupten können. Unter den Sportlern haben wir mit der Einführung der Nationalmannschaft ein „Wir-Gefühl“ erzeugt und ihnen die Möglichkeit gegeben, in unserer neuen Akademie mit modernster Technik zu trainieren.

Die Pre-Olympics in Weymouth verliefen aus deutscher Sicht durchwachsen, die Nationalmannschaft erreichte nicht einen Medaillenplatz. Wie schätzen Sie die Chancen für Olympia 2012 ein?

Wir sind auf dem Weg, uns zu stabilisieren. Wichtig ist, dass wir uns in acht der zehn Disziplinen für die Spiele qualifizieren, dann sind auch ein, zwei Medaillen drin. Spätestens 2016 soll unser neues Programm wirken und zu mehr Erfolgen führen.

Beim Audi MedCup, eine der bedeutendsten Regatten der Welt, sind Sie gerade in einer deutsch-französischen Kooperation gesegelt. Außer Ihnen ist jedoch kein Deutscher an Bord. Ist dies Ausdruck des Nachwuchsproblems?

Ja, absolut. Mit Matti Paschen ist zwar eines der Talente gerade zu einem Konkurrenten gewachsen, neben ihm gibt es jedoch nur wenige junge Sportler mit Erfahrungen im professionellen Bereich. Zudem sind die meisten in diesem Jahr mit ihrer Olympia-Kampagne beschäftigt. Danach wird aber der eine oder andere zu uns stoßen.

Sie gelten als Verfechter von Reformen, fordern neue Rennformate und eine bessere Medialisierung. Der America’s Cup hat zuletzt eine radikale Wandlung erlebt: Auf Katamaranen soll in die Zukunft gesegelt und die Facebook-Generation mitgerissen werden. Der neue America’s Cup soll hart, schnell, taktisch, wild und athletisch zu gleich sein. Wie stehen Sie dazu?

Da sind eine Menge Worthülsen im Umlauf, es wird eine große Show um nichts gemacht. Die Katamarane sind neu, und die dazugehörigen Technologien, der Wettkampf wird am Ende aber dünn sein. Auch weil bestimmte Aspekte verloren gehen. Zwei Rümpfe, ein starres Segel, immer geradeaus – das hat er eher etwas mit Flugzeugen als mit Segeln zu tun. Es ist vergleichbar mit der Formel 1: Dafür interessieren sich die Leute, obwohl es Autos gibt, die viel schneller geradeaus rasen könnten. Aber man will doch die Entwicklung bei so einem Wettkampf erleben, die technischen und taktischen Finessen.

Dennoch lockt das neue Format junge Leute. Die Bilder vom Trainingsunfall im Juni vor San Francisco, als sich ein Boot überschlug, hat im Internet für Rekordzugriffe gesorgt und Interesse geweckt.

Die Frage ist, ob man einfach nur für ein Spektakel sorgen oder auch Qualität bieten will. Der Unfall war ein Zeichen für das Unvermögen, mit diesen Katamaranen umzugehen. Das wird in Kauf genommen.

Die Organisatoren gehen bewusst Risiken ein?

Ja. Jetzt wird mit kleinen Katamaranen getestet, aber beim America’s Cup werden die Boote und Masten fast doppelt so groß und hoch sein. Da wirken unglaubliche Kräfte. Die Segler könnten in 40 Metern Höhe durch die Luft geschleudert werden. Es ist völlig unklar, worauf man sich da einlässt.

Einige Segler befürchten, dass Einrumpfregatten unter der neuen Entwicklung leiden und an Bedeutung verlieren könnten.

Das wird nicht passieren. Um beim America’s Cup zu starten, braucht man nicht Millionäre, sondern Milliardäre als Eigner – und davon gibt es nicht so viele. Am Ende werden dort nur drei wettbewerbsfähige Teams starten. Viele werden sich darauf nicht einlassen, denn die Budgets und Zeitpläne sind zu unsicher. Man baut etwas für viel Geld, und am Ende ist der Zeitplan zu kurz gesteckt.

Die traditionellen Rennyachten bleiben interessant?

Ja, der MedCup ist zum Beispiel ein Top-Event, das mit großen Sportereignissen wie Skispringen und anderen mithalten kann. Durch 3D-Tracking-Systeme und Kameras auf den Booten sind die Zuschauer hautnah dabei. Sie erleben spannende Wettkämpfe, bei denen tatsächlich jeder jeden schlagen kann. Auf allen Yachten kämpfen Olympiasieger, America’s-Cup-Gewinner und Weltmeister – das ist Champions League.

Dazu zählen auch Sie, der alle wichtigen Trophäen gewonnen hat. Inzwischen sind Sie 57 Jahre alt – noch gar nicht segelmüde?

Ich habe viel Erfahrung und empfinde es aufgrund meiner Erfolge als Verpflichtung, die Zeit noch zu nutzen, um den Sportlern und Sponsoren eine gesunde Grundlage zu hinterlassen. Im kommenden Jahr könnte ich mir allerdings vorstellen, auszusteigen und mein Steuer in die Hand eines anderen deutschen Seglers zu geben. Damit wäre meine Generation abgelöst. Vielleicht passiert das aber auch erst im Jahr darauf, denn unsere All-4-One-Kampagne beim MedCup läuft noch bis 2013.

Haben Sie schon einen Nachfolger im Kopf?

Nein, es gibt einige, die in Frage kommen.

Das Gespräch führte

André Wornowski.

Jochen Schümann, 57, holte dreimal olympisches Gold, zum ersten Mal 1976 in Montreal. 2003 und 2007 gewann der gebürtige Berliner den prestigeträchtigen

America’s Cup.

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