Sport : „Das ist eine Herkulesleistung“

„Wenn du dich mit den Bayern messen willst, verlierst du“ „Verteidigen wir den Titel, war es eine Megasaison“ Dortmunds Sportchef Michael Zorc über Ansprüche, Rahmenbedingungen und die Konkurrenz zum FC Bayern.

Michael Zorc, 49, spielte zwischen 1981 und 1998 463-mal in der Bundesliga für Borussia Dortmund und gewann in dieser Zeit Champions League, Deutsche Meisterschaft und DFB-Pokal. Seit dem Ende seiner aktiven Karriere arbeitet er als Sportdirektor. Foto: dpa Foto: picture alliance / dpa
Michael Zorc, 49, spielte zwischen 1981 und 1998 463-mal in der Bundesliga für Borussia Dortmund und gewann in dieser Zeit...Foto: picture alliance / dpa

Herr Zorc, kribbelt es denn schon vor dem Bundesligagipfel, der ganz Deutschland zu elektrisieren scheint?

Es fängt langsam an und wird sich über das Abschlusstraining bis zum Spiel steigern. Das ist doch klar, dieses Spiel lässt niemanden kalt, der sich für Fußball interessiert.

In der öffentlichen Wahrnehmung stehen die Chancen 50 zu 50. In Ihrer auch?

Ganz klar, da treffen zwei Mannschaften aufeinander, die auf einem extrem hohen Niveau agieren, wie man es in der Bundesliga selten gesehen hat. Wir haben jetzt das gleiche Punktekonto wie in der fantastischen letzten Saison und sogar ein noch besseres Torverhältnis. Und die Bayern sind auf Tuchfühlung. Mehr geht kaum.

Ihr Klub kann zum zweiten Mal in Folge Meister werden. Das schafft sonst keiner – außer den Bayern.

Richtig, und das kann nicht hoch genug bewertet werden. Wenn wir den Titel verteidigen, war es eine absolute Megasaison. Trotz des frühen Scheiterns in der Champions League.

Ihr Verein ist von Bayern-Präsident Uli Hoeneß geadelt worden, der gesagt hat, er sehe den BVB auf Jahre hinaus als ernsthaften Konkurrenten.

Natürlich ehrt es uns, wenn die Bayern uns auf Augenhöhe wahrnehmen, aber wir wissen ganz genau, wie groß die wirtschaftlichen Unterschiede sind. Die Rahmenbedingungen klaffen einfach viel zu weit auseinander, um anzunehmen, dass der jetzige Zustand Normalität werden könnte. Was unser Klub zuletzt geschafft hat, das ist eine Herkulesleistung.

Auf der anderen Seite hat Borussia Dortmund das größte Stadion der Republik, den besten Zuschauerschnitt Europas und im Herzen von Fußball-Deutschland ein fantastisches Umfeld. Warum macht sich der BVB im Vergleich zu den Bayern künstlich klein?

Das tun wir doch gar nicht, aber Sie können doch nicht Birnen mit Äpfeln vergleichen. Es geht darum, wie viel Geld ein Verein für seine Mannschaft zur Verfügung hat. Und zwar nicht nur ein Mal, sondern nachhaltig. Die Unterschiede sind viel zu groß, um sich auf gleicher Höhe ansiedeln zu können. Das ist auch gar nicht unser Anspruch, weil wir genau wissen, dass wir da nicht hinkommen. Bayern München hat im Freistaat Bayern ein Alleinstellungsmerkmal, während wir uns im Umkreis von hundert Kilometern den Kuchen mit vielen attraktiven Klubs teilen müssen.

Dennoch scheinen sich die Parameter langsam zu verschieben. Der selbst gewählte Leitsatz, wenn die Bayern einen Spieler haben wollen, dann kriegen sie ihn auch, ist nicht mehr in Stein gemeißelt: Marco Reus geht nach Dortmund. Und Mario Götze, den sie in München ebenfalls begehren, hat bei der Borussia verlängert.

Das spricht dafür, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Borussia Dortmund ist als Gesamtpaket gerade für junge Spieler äußerst attraktiv.

Bei Marco Reus wird immer wieder betont, er gehe zum BVB, weil seine Familie aus Dortmund kommt. Mit Verlaub, das klingt nach reichlich viel Folklore. Es geht doch um Geld und Erfolg.

Es geht um sportliche Perspektive. Solch ein Spieler will nicht in eine Wellness-Oase, der will erfolgreich Fußball spielen. Finanziell hätte Marco woanders bessere Möglichkeiten gehabt. Dass er sich trotzdem für uns entschieden hat, macht ihn ziemlich sympathisch.

Offenbar mögen Sie den Vergleich mit den Bayern nicht.

Weil dieser Vergleich hinkt. Wir bei Borussia Dortmund haben unseren eigenen Ansatz und unsere eigene Strategie. Man lässt schließlich auch kein Formel-1-Fahrzeug gegen einen Golf fahren.

Na ja, der BVB ist doch sicher ein Sportwagen der gehobenen Klasse.

Okay, das kann man so sagen. Aber wie schon erwähnt: Der BVB orientiert sich nicht an Bayern München. Würden wir uns darauf einlassen, wären wir automatisch zweiter Sieger. Wenn du dich mit den Bayern messen willst, dann verlierst du am Ende.

Ist diese Erkenntnis der Ära Niebaum/Meier geschuldet, als der Verein im Bestreben, den Bayern den Rang abzulaufen, beinahe bankrott gegangen wäre?

Das hat sicher auch damit zu tun.

Allerdings wird die Mannschaft signifikant teurer. Bleibt es dabei, dass neue Schulden tabu sind?

Bei uns ist die alte Kaufmannsregel fest verankert, nach der wir nur Geld ausgeben, das wir sicher einnehmen. Daran wird sich nichts ändern.

Das Führungstrio Watzke, Klopp und Zorc ist bis mindestens 2016 an den BVB gebunden, genau wie sportliche Säulen wie Götze, Reus oder Bender. Der Höhenflug könnte also durchaus noch ein Weilchen anhalten.

Genau das ist die Herausforderung. Dennoch sollte es nicht als Normalität angesehen werden, am 30. Spieltag auf Höhe der Bayern zu sein.

Viele Beobachter sehen für die Bundesliga in der Zukunft ein Szenario wie in Spanien, wo mit Real Madrid und Barcelona zwei Vereine die Liga nach Belieben beherrschen.

So ein Quatsch! Die Abstände zum Dritten und Vierten in der Bundesliga sind wesentlich geringer, als es seit Jahren in Spanien der Fall ist. Vor vier Wochen haben noch alle vom Vierkampf geschrieben. Wir sollten uns mal vom absoluten Kurzzeitgedächtnis verabschieden, dann relativieren sich viele Dinge.

Dann liegt Uli Hoeneß also falsch?

Bitte verschonen Sie mich mit diesem ewigen Vergleich zwischen den Bayern und uns. Meine Aufgabe ist es nicht, Motivation und Handlungen von Bayern München zu kommentieren.

Warum gelingt es außer den Bayern keinem Verein, sich wirtschaftlich so aufzustellen, dass er dauerhaft oben mitspielen kann?

Weil in München nicht nur herausragende Rahmenbedingungen herrschen, sondern auch, weil dort gut gearbeitet wird. Die haben ihr Geld ja nicht geschenkt bekommen. Es geht dabei um Kontinuität über Jahrzehnte.

Das Gespräch führte Felix Meininghaus.

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