Sport : „Das ist schon stark“

Ulli Stielike über Spaniens Nationalmannschaft

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Herr Stielike, Spanien hat sich schon vor dem heutigen Spiel gegen Saudi-Arabien souverän für das Achtelfinale qualifiziert. Sind Sie als Spanien-Experte und früherer Spieler Real Madrids davon überrascht?

Nein.

Nein?

Spanien hat in den Vorrunden immer attraktiven Fußball gespielt. Dann sind die Erwartungen ins Kraut geschossen und am Ende war spätestens im Viertelfinale Schluss.

Das klingt resigniert …

Ich würde das eher Realismus nennen.

Wenn man wie Spanien bei der letzten WM im Elfmeterschießen scheitert, hat das wenig mit Unvermögen zu tun.

Ist das so? Auch das Elfmeterschießen gehört zum Fußball. Auch das hat etwas mit Können zu tun.

Gefällt Ihnen, was Sie zurzeit bei den Spaniern sehen?

Sehr sogar. Neben Argentinien sind sie für mich die spielstärkste Mannschaft und die am schwierigsten auszurechnende. Der Ball zirkuliert sicher, selbst auf engstem Raum. Und sie haben Leute dabei, die den anderen Abwehrreihen die Bälle diagonal in den Rücken spielen können. Sehen Sie nur mal genau hin: Bei allen anderen Mannschaften landen 99 Prozent dieser Bälle auf den Köpfen der Verteidiger. Das ist schon stark, was die Spanier zeigen. Aber Vorsicht, jetzt kommen bald die K.o.-Spiele.

Und wie wird sich Spanien dann präsentieren?

Das ist schwierig zu sagen. Diese spanische Mannschaft ist individuell hervorragend besetzt. Zudem haben sie mit Xavi und Fabregas zwei im zentralen Mittelfeld, die nicht nur wissen, wie man den tödlichen Pass spielt, sondern auch, wie man selbst Tore schießt. Für gegnerische Defensivlinien ist das der blanke Horror. Aber sie sind alle jung …

… im Durchschnitt 22,9 Jahre alt …

… und es braucht eine Menge Erfahrung und Nerven, dem Druck eines K.-o.-Spiels Stand zu halten. Was, wenn sie in Rückstand geraten?

Experten sind dennoch angetan, und rechnen Spanien zu den Titelfavoriten. Dabei hatten im Vorfeld viele auf das alte Problem hingewiesen: Die Liga ist derzeit die stärkste Europas, aber die Nationalelf ist im eigenen Land eigentlich nichts wert.

Das ist mit allen Vorurteilen dasselbe. Sie sind an den Rändern überzeichnet. Aber sie treffen immer auch einen zentralen Punkt. Tatsächlich galt die Nationalelf immer weniger als dieser oder jener Klub.

Hat sich daran etwas geändert?

Nein, ich denke, die Nationalmannschaft wird von vielen immer noch kritisch beäugt.

Woran liegt das?

Spanien ist kein homogenes Land. Es gibt viel Regionalismus, Galizier, Basken, Katalanen, Andalusier, Valencianer. Das spiegelt sich auch im Fußball wider. Ich will es nicht überinterpretieren, es kann dafür auch andere Gründe geben, aber bei den Spaniern singt nicht einer die Nationalhymne mit.

Vielleicht können sie sie einfach nicht. Sechs Spieler im Kader verdienen ihr Geld seit zwei, drei Jahren schon in England.

Das ist es, was sie stärker macht als bei früheren Turnieren. Die Erfahrung aus anderen Ligen hat ihnen früher immer gefehlt. Jetzt, mit den Erlebnissen aus der englischen Liga, können sie schon etwas flexibler auf sich ändernde Situationen und Spielstile reagieren.

Spiegelt sich in dieser spanischen Mannschaft zum ersten Mal ein Land wider, dass ähnlich wie die Deutschen aufgrund der kontroversen Nationalitätenfrage die Flucht ins Europäische antritt?

So weit würde ich nicht gehen. Aber man spürt bei vielen jungen Spaniern, dass sie die Themen der alten nicht mehr sonderlich betreffen. Spanien, Katalonien, wer gegen wen, was ist besser, ich denke, das rückt gerade etwas in den Hintergrund. Und so scheint es auch in der Mannschaft zu sein. Sie singen zwar nicht ihre Hymne, aber sie freuen sich zusammen wie eine eingeschworene Gruppe. So zerstritten wie früher scheinen sie mir nicht zu sein.

Selbst Kapitän Raul hat seine Reservistenrolle ohne Diskussion angenommen.

Er schweigt, aber innerlich wird es ziemlich laut hergehen. Wer sitzt bei einer WM schon gern auf der Bank?

Haben Sie nachvollziehen können, dass ihn Trainer Luis Aragones bei beiden Spielen auf die Bank gesetzt hat?

So eine Entscheidung ist für einen Trainer immer riskant. Was mache ich? Raul ist mein Kapitän und dem Talent nach ein Ausnahmestürmer. Aber er ist in der Krise, ein Jahr schon. Bringe ich ihn von Beginn an und spiele dann wie die Brasilianer im ersten Spiel mit Ronaldo nur zu zehnt, oder platzt der Knoten? Aragones hat sich für die konservative Variante entschieden. Aber es ist ja gut gegangen. Und Raul hat auch wieder getroffen.

Der Spielweise nach könnte man meinen, Aragones ist ein Mann des Risikos.

Aragones, Risiko? Niemals. Er hat zwar das Temperament eines Draufgängers, aber eigentlich denkt er ziemlich nüchtern. Aragones sucht Effektivität, er will gewinnen. Er hat nur eben Spieler zusammen, bei denen das alles elegant und spektakulär aussieht. Aber warten wir mal ab, welche Marschroute er wählt, wenn es in die entscheidenden Spiele geht. Es bleibt dabei, wir werden erst in ein paar Tagen wissen, ob diese spanische Mannschaft ist wie die in all den Jahrzehnten zuvor. Oder ob sie es dieses Mal packen kann.

Das Gespräch führten Tincho H. Munoz und Marcus Pfeil (HB).

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