Sport : „Das kann die Hölle werden“

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Herr Stepanovic, heute haben drei Mannschaften die Chance, Deutscher Meister zu werden. Fühlen Sie sich an den 16. Mai 1992 erinnert?

Wie in diesem Jahr Leverkusen, so war damals Eintracht Frankfurt fast vom ersten Spieltag an Tabellenführer. Und am letzten Spieltag – gegen Hansa Rostock – haben wir den Titel verloren. Wir hatten sechs, sieben klare Chancen, einen Pfostenschuss, einmal Latte, und dann wird uns auch noch ein klarer Elfmeter verweigert. Aber was nützt das noch? Damals habe ich gelernt: Es bringt nichts, wenn du die ganze Saison oben stehst. Wer am Ende lacht, der lacht am lautesten.

Das war damals der VfB Stuttgart. In diesem Jahr könnte es Borussia Dortmund sein.

Es sieht so aus, als ob Borussia Dortmund zum richtigen Zeitpunkt den richtigen Sieg errungen hat. Es nutzt nichts, dass Leverkusen die ganze Saison super gespielt hat. Das hat meine Mannschaft damals auch.

Es bleibt ja noch ein Spiel.

Ich würde mich freuen, wenn Leverkusen Meister wird, aber wenn Dortmund es jetzt nicht schafft …

… für die Dortmunder ist die Situation so ähnlich wie vor zehn Jahren für Sie und Eintracht Frankfurt: Sie müssen nur noch gewinnen.

In solchen Spielen ist es am schlimmsten, wenn du gewinnen musst. Der Herr Meier, der Manager von Borussia Dortmund, hat ja immer gesagt: Der Jäger wird Meister. Nur hat sich die Situation ein bisschen gedreht. Jetzt sind Leverkusen und Bayern die Jäger. Stellen Sie sich mal vor, es tritt das ein, was der Herr Meier vorhergesagt hat.

Haben Sie 1992 vor dem letzten Spiel auch nur einen Moment daran gezweifelt, dass es mit der Meisterschaft noch schief gehen könnte?

Überhaupt nicht. Rostock war schon abgestiegen. Von denen habe ich keine große Gegenwehr mehr erwartet. Das Einzige, was mich ein bisschen beunruhigt hat, war unser Spiel zuvor gegen Werder Bremen. Die hatten gerade den Europapokal gewonnen, und hätten vor lauter Feiern eigentlich noch richtig müde sein müssen. Aber wir haben zu Hause nur ein 2:2 geschafft. Hätten wir gegen Werder gewonnen, wären wir schon mit einem Unentschieden in Rostock Meister gewesen. Aber anstatt uns zu stärken, hat uns das Spiel gegen Bremen geschwächt. Dieses Misstrauen, diese Müdigkeit im Kopf, nicht in den Beinen, die haben wir mit nach Rostock genommen.

War Ihnen das schon vor dem Spiel bewusst?

Nein. Und selbst wenn: Was hätte ich denn machen sollen? Ich habe damals keinen so großen Kader gehabt, dass ich hätte rotieren können. Am Ende der Saison waren sehr viele Spieler ausgelaugt. Und dieses ständige Muss, Muss, Muss, das konnte eben nicht jeder so einfach wegstecken.

Auch die Leverkusener scheinen jetzt ein Opfer der großen Belastung zu werden.

Das stimmt. Die Mannschaft ist fast halbiert. Das ist Wahnsinn, dass jetzt die Spieler fehlen, die die ganze Saison über so hervorragend gespielt haben. Jetzt, da es darum geht, die Schlagsahne auf die Torte zu tun.

Welche Hoffnung bleibt Bayer noch? Dass sich Dortmund zu sicher fühlt?

Die Dortmunder können nur den Fehler machen, dass sie von der ersten Minute an zu unruhig sind – weil sie unbedingt gewinnen müssen. Aber das glaube ich nicht. Gucken Sie sich nur diesen Amoroso an. Das ist ein Gewinner. Ein echter Gewinner. Solche Typen, die in den entscheidenden Momenten die Nerven behalten wie Amoroso gegen Milan. Oder anders ausgedrückt: Spieler, die in großen Spielen groß sind, die machen den Meister.

Das hat bisher eher die Bayern ausgezeichnet.

Für mich könnten die Bayern der lachende Dritte sein. Die werden die beiden anderen Mannschaften mit den Toren, die sie auf jeden Fall schießen, von Anfang an gehörig unter Druck setzen. Das kann für Leverkusen und Dortmund die Hölle werden. Mich würde es jedenfalls nicht wundern, wenn die Bayern es wieder mal schaffen.

Glauben Sie, dass Bayer daran zerbricht, wenn die Mannschaft wieder nicht Meister wird?

Ich glaube, dass Bayer eher daran zerbricht, dass Ballack weggeht, dass vielleicht Zé Roberto weggeht. Wenn es dieses Jahr nicht klappt, wird Bayer in den nächsten paar Jahren dort oben nichts zu suchen haben. Obwohl: Vor dieser Saison hat auch niemand mit Leverkusen gerechnet.

Wie sind Sie 1992 eigentlich mit dem Scheitern ihrer Mannschaft fertig geworden?

Ich bin sowieso nicht der Typ, der glaubt: Wenn du den Titel holst, kannst du alles bestimmen. Du musst ja auch im nächsten Jahr weiter arbeiten und die Mannschaft wieder an die Sonne bringen. Ich habe die Einstellung, dass man immer wieder ganz oben landet. Deshalb habe ich nie meinen Glauben verloren, dass ich irgendwann irgendwo einen Verein finde, mit dem ich das realisiere, was ich damals nicht realisiert habe.

Das Gespräch führte Stefan Hermanns.

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