Sport : Das Kind mit dem Tennisschläger

Stefan Liwocha

Im ersten Moment war Andre Agassi gar nicht bewusst, dass er einen weiteren Meilenstein in seiner Karriere erreicht hatte. Als Roger Federer eine Vorhand ins Netz schlug, erwachte bei seinem amerikanischen Gegenüber das Kind mit dem Tennisschläger. Agassi strahlte nach knapp zweieinhalbstündiger Arbeit unter Floridas heißer Sonne, ballte die Faust und richtete den Siegesschrei in Richtung seiner Entourage. Nach dem Handschlag mit dem Schweizer warf der Altmeister in gewohnter Manier Kusshände ins Publikum und genoss den Augenblick, als hätte er soeben durch das 6:3, 6:3, 3:6, 6:4 vor 14 000 Fans sein allererstes Turnier gewonnen.

Online-Gaming Spiel, Satz und Sieg: Der Pong-Klon von meinberlin.de "Mit jedem Jahr werden die Erfolge süßer", gestand Agassi, nachdem ihm ein Siegerscheck über 456 000 Dollar überreicht worden war. "Ich habe mich stark darin verbessert, die Triumphe zu genießen." Sein beeindruckender Finalerfolg beim größten Turnier nach den Grand Slams rief sofort die Statistiker auf den Plan. Denn dies war nicht nur sein 13. Erfolg bei einem Turnier der Masters-Serie, sondern zugleich sein 700. Einzelsieg auf der Profitour gewesen. Dass Agassi zum fünften Mal nach 1990, 1995, 1996 und 2001 in Key Biscayne gewann, brachte ihm zudem einen Eintrag ins Turnier-Rekordbuch. Dort teilt sich der Return-Spezialist nun den Platz an der Sonne mit seiner Ehefrau Steffi Graf, die als einziger Tennis-Profi ebenfalls fünf Titel in Key Biscayne erringen konnte. "Im Haushalt habe ich nun an Boden gutgemacht", sagte Agassi, "und ich kann im Gegensatz zu ihr hier noch einmal gewinnen."

Nein, ans Aufhören denkt der Mann, der schon sieben Grand-Slam-Turniere gewonnen hat, noch längst nicht. Dabei wurde im Januar bereits über ein Karriereende spekuliert, als dem Publikumsliebling erneut eine Handgelenksverletzung zu schaffen machte. Doch Agassi ist ein Stehaufmännchen, dessen Motivation ungebrochen ist. Der hausinterne Vergleich mit seiner Ehefrau ist dabei nur eine Antriebskraft. "Ich habe das Gefühl, dass ich mich jeden Tag aufs Neue beweisen muss", sagte der Routinier. "So führe ich nun einmal mein Business. Ich arbeite hart und werde immer besser." Sein Fitnesslevel ist ohne Frage beeindruckend und sein wichtigstes Kapital. Als das Match zu kippen drohte, habe er "einen Gang höher geschaltet". So einfach ist das. Einem amerikanischen TV-Reporter fiel dazu spontan ein: "Jungbrunnen mit 31!"

Federer führte im vierten Satz mit 4:2 und schien nach einem Fehlstart seinem Ruf als Favoritenkiller gerecht werden zu können. Zwei Spiele später stand es 4:4, nachdem Agassi einen sensationellen Return gespielt hatte. "Er hat das Niveau gesteigert und da war es vorbei. Am Ende war er einfach besser", gestand der Schweizer, der im Halbfinale den Weltranglistenersten Lleyton Hewitt mit 6:3, 6:4 abserviert hatte. Und nicht nur deshalb war seine Visitenkarte vor dem Finale beachtlich: über fünf Matches hatte Federer in Key Biscayne keinen Satz abgegeben, ja noch nicht einmal seinen Aufschlag verloren. Seine 23 Siege in diesem Jahr sind Spitze auf der ATP-Tour, weswegen dem Generationsduell mit dem elf Jahre älteren Amerikaner eine besondere Bedeutung zukam.

Doch Agassi konnte den Angriff der Jugend abwehren und zeigen, dass er noch immer die passende Antwort auf die weltweite ATP-Anzeigenkampagne "New balls, please" hat. Der Superstar will kein Denkmal sondern weitere Titel. "Es ist wichtig, dass ich zum richtigen Zeitpunkt des Jahres in Top-Form bin", sagte Agassi - und hatte dabei schon die French Open im Mai im Blick.

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