Sport : Das Kollektiv ist nicht alles

NAME

Von Christoph Daum

Trotz aller Überraschung und Freude über den bisherigen Verlauf der WM: Es fehlen die dominierenden Spieler. Jede bisherige WM wird mit Stars in Verbindung gebracht: 1930 Andrade aus Uruguay, 1934 und ’38 der Italiener Meazza, dann Fritz Walter, Pelé, Charlton, Eusebio, Cruyff, Zico, Beckenbauer, Kempes, Rossi, Maradona, Matthäus, Baggio, Zidane - und heute?

Kein noch so ausgeklügeltes Spielsystem, kein noch so begeisterndes Spiel, kein Golden Goal oder Elfmeterschießen kann solche Figuren ersetzen. Der Trend läuft trotzdem anders. Seit Mitte der Neunziger lautet die Parole: Der Star ist die Mannschaft. Heute muss jeder Spieler ein mannschaftsdienlicher Allrounder sein. Doch es muss Freiraum bleiben: Wir sehnen uns nach dem genialen Pass, dem trickreichen Dribbling, dem artistischen Schuss. Davon aber blitzt zu selten ewas auf bei dieser WM. Zidane, Figo, Veron – sie alle sind angeschlagen angereist und konnten ihre Extraklasse nicht zeigen. Sie spielten und fehlten zugleich: ihren Mannschaften und uns, den Zuschauern.

Beckham und Ballack finden nur langsam zu ihrer Form. Das scheint auch eine Folge der vielen Spiele mit ihren Vereinen zu sein. Die Spieler stoßen an die Grenzen der Belastbarkeit, die zahlreichen Verletzungen machen das deutlich. Gerade in den europäischen Wettbewerben müssen die großen Spieler viel einstecken, sie werden bekämpft, und das nicht selten mit unfairen Mitteln. Zur Erholung fehlt ihnen die Zeit.

Aber auch die Trainer haben ihren Anteil: Wir müssen wieder mehr Kreativität fördern und fordern, die individuellen Stärken herausarbeiten, dürfen das Sicherheitsdenken nicht übertreiben. Im Angriffsdrittel muss jeder Spieler etwas riskieren dürfen. Davon lebt der Fußball. Teamwork ist wichtig, aber nicht alles. Die Überbetonung des „Kollektivs" führt zu einer Gleichmacherei, die weniger Spontaneität, weniger Spielwitz zur Folge hat. Dagegen hilft nur eins: die Instinktfußballer fördern und sinnvoll in den Mannschaftsrahmen integrieren. Schneider, Ballack, Beckham, Rivaldo und Ronaldo, Raul und Diouf – sie alle haben ihre großen Momente. Aber auf den brillanten Zauberer warten wir noch. Hoffentlich nicht vergeblich.

Der Fußballlehrer Christoph Daum analysiert an dieser Stelle täglich die WM.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben