Sport : Das Krokodil als Vorbild

Der 400-Meter-Läufer Ingo Schultz ist fit für die EM

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Berlin. Die Rhetorik stimmt bei Ingo Schultz – zumindest, wenn er genug Luft hat. Nach einem 400-Meter-Lauf brauche er ziemlich lange, um sich zu erholen. „Manchmal kann ich mich eine halbe Stunde nach dem Rennen nicht artikulieren“, sagt Schultz, „aber dafür laufe ich auch schneller als die anderen“. Sein Selbstbewusstsein stimmt offenbar auch.

Der Grund dafür sind die Weltmeisterschaften in Edmonton im letzten Jahr. In 44,87 Sekunden wurde der 201 cm große Modellathlet überraschend Zweiter. Seitdem war nichts mehr wie früher. Ein Medienrummel brach über Schultz ein. „Alle möglichen Leute aus meinem Umfeld machten Termine aus, und ich musste das dann alles ausbaden.“ Mittlerweile ist es professioneller geworden. Training geht vor. Und damit der angestrebte sportliche Erfolg. Trotzdem ist Schultz nach wie vor im Gespräch. Die Anfragen reißen nicht ab. Und Schultz hat gelernt, damit umzugehen. Er ist freundlich, aufgeschlossen und redegewandt. Dabei ist er sich seiner positiven Ausstrahlung bewusst: „Das Medieninteresse ist eine Frage des Typs.“ Eher introvertierte Sportler wie etwa Hochsprung-Weltmeister Martin Buß beschweren sich schon lange über fehlendes Interesse.

Seinen Marktwert kann Schultz bald weiter steigern: vom 6. bis 11. August finden in München die Europameisterschaften statt. Die Saisonvorbereitung verlief bisher planmäßig. Bei den deutschen Meisterschaften in diesem Monat rannte er mit 44,97 Sekunden europäische Jahresbestzeit. „Die Form ist da, das Selbstvertrauen auch. Jetzt nur nicht den Fuß brechen beim Treppensteigen.“ Unter Leichtathleten gibt es die so genannte Krokodil-Taktik: Warten bis die Form kommt - und dann zuschnappen. Das gilt in den nächsten Tagen für Schultz. Und das heißt ganz klar: „Ich will Europameister werden.“ Mit dem kleinen Zusatz allerdings, dass eine Medaille dann auch o.k. wäre.

Dass der Deutsche neben dem Briten Daniel Caines überhaupt als einer der Favoriten gilt, ist an sich schon erstaunlich. Denn der 27-Jährige ist ein Spätzünder. Erst vor vier Jahren fing er mit dem Leistungssport an. 1997 kam er als Zeitsoldat an die Offiziersschule nach Hamburg und studierte Elektrotechnik - mittlerweile schreibt er an seiner Doktorarbeit. Dort nahm er als Ausgleich zum Lernen an der Sport-AG Leichtathletik teil. Und wurde von seinem Trainer Jürgen Krempin entdeckt. Er trat dem TSG Bergedorf bei und probierte verschiedenes aus, beispielsweise Kugelstoßen oder Marathon. Doch schnell war klar, wo sein eigentliches Talent liegt. 1999 wurde er mit einer Zeit von 45,99 Sekunden bereits Vierter der Deutschen Meisterschaft. Seitdem ist er jedes Jahr besser geworden.

Dabei trainiert Schultz nicht mal übermäßig: fünf bis sieben Mal pro Woche. Dann aber konsequent und knüppelhart. Seine erstaunlichen Leistungssprünge - seine Bestzeit liegt bei 44,66 Sekunden - erklärt er aber simpel: „Ich bin noch trainingsjung, da sind solche Sprünge am Anfang noch normal.“ Jörg Petrasch

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