Sport : Das Leben ist ein Grundlinienduell

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Stefan Hermanns über die Illusion

des Boris Becker

In seiner großen Zeit auf dem Tennisplatz ist Boris Becker ein grandioser Kämpfer gewesen. Wenn die ganze Welt gegen ihn zu stehen schien, hat er sein bestes Tennis gespielt. 30:40 bei eigenem Aufschlag im letzten Satz, solche Situationen hat Becker geliebt. Im Zweifel hat er dann ein Ass geschlagen. Wer den rechten Willen hat, entscheidet das Match für sich. So einfach kann das Leben sein. Wahrscheinlich glaubt Becker deshalb, dass er allein über sein Schicksal entscheidet. Auf dem Tennisplatz lassen sich mit einem platzierten Return alle Schwierigkeiten lösen. Das wahre Leben aber ist eher ein langes Grundlinienduell auf Sand. Und auf Sand hat Becker in seiner ganzen Karriere kein einziges Turnier gewonnen.

Boris Becker hat nach seiner aktiven Karriere vieles angefangen, aber nichts zu einem erfreulichen Ende gebracht: eine Ehe, diverse Liebschaften, verschiedene Geschäftsideen und und und. Aktuell hat sich Becker dem Projekt verschrieben, das wichtigste deutsche Tennisturnier der Herren vor dem Aus zu retten. Als Chairman der German Open in Hamburg hat er in den letzten Monaten geackert wie zu seinen besten Zeiten auf dem Tennisplatz, er hat die Medien mobilisiert, Geschäftspartner aufgetrieben und Geld investiert, 1,5 Millionen Euro insgesamt. Man kann über Beckers Maßnahmen streiten, über die Banalisierung und Popularisierung einer an sich elitären Veranstaltung – die Ergebnisse sprechen für ihn. Die Zuschauerzahl zum Beispiel ist am Rothenbaum um 20 Prozent gestiegen.

Trotz aller guten Zeichen gibt es aber auch weiterhin große Probleme, die Sportart Tennis in Deutschland Gewinn bringend zu vermarkten. Das erfordert Zeit und Geduld, Eigenschaften, über die der Serveand-Volley- Spieler Boris Becker schon in seiner aktiven Zeit nicht verfügt hat. Inzwischen hat er öffentlich in Frage gestellt, ob er sich auch im nächsten Jahr wieder für die German Open engagieren werde. Vielleicht ist das nur eine Drohung. Wahrscheinlich aber hat er gedacht, er brauche in Hamburg einfach nur einen Schmetterball zu verwandeln.

Dann ist es doch wieder ein langes Grundlinienduell geworden.

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