Sport : Das Leben ist eine Baustelle

Torsten Haselbauer

Die griechische Olympiawelt ist wieder in Ordnung. Fast genau zwei Jahre nachdem der ehemalige Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), Juan Antonio Samaranch, den Hellenen die Gelbe Karte gezeigt und gar mit dem Entzug der Sommerspiele 2004 gedroht hatte, sind die griechischen Olympiastrategen "Athoc" wieder voll im Zeitplan.

Das wurde ihnen und den ziemlich verdutzten Journalisten jedenfalls gestern Nachmittag von Denis Oswald bescheinigt, dem Vorsitzenden der Koordinierungskommission des Internationalen Olympischen Komitees für die Sommerspiele 2004. "Hier wurde in den vergangenen Monaten exzellente Arbeit geleistet. Ich bin sehr zuversichtlich, dass Olympia in Athen ein Erfolg wird", erklärte der Schweizer Jurist zum Abschluss seiner dreitägigen Inspektionsreise in Athen. Vorbei scheint all der unendliche Zank und Hader des vergangenen Jahres zwischen dem Athoc-Team und dem eher trockenen Eidgenossen Oswald um Bauverzögerungen, Unterbringungsdefizite und das Athener Verkehrschaos.

"Wir haben jetzt die erste Phase der Bauplanungen und Konstruktionen verlassen", meinte Oswald fast ein wenig erleichtert. "Nun geht es in die konkrete, operative Phase." Damit haben wohl auch für ihn und die dreißig mitgereisten IOC-Inspekteure die lästigen Olympiabaustellenrundfahrten ein Ende, die Oswald und seine Mitstreiter in dieser Woche noch einmal durch ganz Athen und die halbe Präfektur Attika geführt haben. Jedenfalls hatte sich das Quälen durch den Athener Dauerstau gelohnt. Die Hoffnung des IOC auf deutliche Baufortschritte an ausgewiesenen Sportstätten wurde nicht enttäuscht. Knapp 29 Monate vor dem Beginn der Sommerspiele verteilte wohl deshalb auch Oswald in dieser ersten Aprilwoche Komplimente an die griechische Regierung und die Olympiaorganisatoren "wie nie zuvor in meinen zahlreichen Besuchen". Die Gewichtheberhalle, der Segelhafen und selbst das olympische Pressezentrum in der Nähe des Olympiastadions sind laut Oswald "in time". Allerdings vergaß der oberste Olympiainspekteur nicht, noch einmal dringlich auf andere Schwachstellen in der Olympiavorbereitung hinzuweisen.

Längst sind nämlich nicht alle Olympiabaustellen von rasantem Fortschritt gekennzeichnet. Bestes Beispiel dafür ist das triste, graue Athener Olympiastadion höchstselbst. Immerhin wird das "Stadion des Friedens und der Freundschaft", wie auch die benachbarten Sportstätten auf dem Olympiagelände "OAKA" ab dem nächstem Monat durch den spanischen Spitzen-Architekten Santiago Calatrava eine ästhetische Aufwertung erfahren. In zwei Jahren soll das Mammutwerk dann als Blickfang hübsch anzusehen und zu besuchen sein. Noch pünktlich zu den Spielen, jedoch viel zu spät für die obligatorischen Testevents, die laut IOC ein Jahr vor den Spielen am Ort des Geschehens durchgeführt werden müssen.

Auch die anderen olympischen Dauerthemen Unterkunft und Verkehr hat Oswald sicher nicht vergessen. Immerhin gibt es erste Lösungsansätze, die die "Athoc 2004"-Präsidentin Gianna Angelopolous-Deskalaki sichtlich stolz und zufrieden präsentierte. Das Problem "Bettendefizit" für die rund 1,5 Millionen Sporttouristen soll vor allem durch die sprichwörtliche griechische Gastfreundschaft gelöst werden. Die Athener Bürger werden nun aufgefordert und durch bares Geld motiviert, ihre privaten Quartiere im August 2004 "den Fremden" zur Verfügung zu stellen. Also werden wie in jedem griechischen August, nur diesmal mit mehr Urlaubsgeld in der Tasche, zahlreiche Athener auf die kühleren Inseln fliehen. Was gleichzeitig das hohe Verkehrsaufkommen in der Metropole verringert. Wie die hitzegeplagten Athener dann aber noch gleichzeitig die heimischen Stadien bevölkern und Sportler anfeuern sollen, wie es Denis Oswald forderte, weiß bisher niemand.

Passend dazu äußerte der Schweizer am Ende seines Besuchs in Athen die Hoffnung, dass die Griechen die "nationale Aufgabe" Olympia 2004 so erfolgreich organisieren können wie ihr Leben, nämlich immer "last minute" und mit viel Kreativität und Improvisationskraft.

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