Das Leid eines Fortuna-Fans : Wenn die Seele verzweifelt "Null" schreit

Tagesspiegel-Autor Helmut Schümann ist Fan von Fortuna Düsseldorf. In der Vorsaison träumte er noch von der Bundesliga, jetzt aber ist sein Team Letzter in Liga zwei - mit null Punkten und zwei kümmerlichen Toren. Ein Leidensbericht.

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Ein Bild mit Symbolcharakter. Fortunas Johannes van den Bergh liegt stellvertretend für einen ganzen Verein am Boden.
Ein Bild mit Symbolcharakter. Fortunas Johannes van den Bergh liegt stellvertretend für einen ganzen Verein am Boden.Foto: dpa

Das Schlimmste ist das Mitleid. Früher, da wurde ich verhöhnt, ausgelacht, nicht ernst genommen. "Wer ist deine Mannschaft", sagten die Leute, "Fortuna Düsseldorf?" Dann lachten sie und schlugen sich auf die Schenkel. Das war schön. Weil es der Beweis war, dass ich anders war als all die anderen, die in irgendeinem Mainstream schwimmen. Wir aber waren Fortuna, auch noch in der vierten Liga.

Heute sagen die Leute "das wird schon noch." Das sagt ein Bayern-Fan und er sagt es mit einem Ton und einer Geste, mit der ein Vater seinem gestürzten und nun greinenden kleinen Sohn den Schmerz wegpustet. Oder sie sagen, "ich will doch auch, dass die Fortuna in der Liga bleibt, das tut mir sehr leid für dich." Das sagt ein Schalker und tut so, als sei er Leidensgenosse. Die pure Anbiederei. Oder er sagt, "Mann, Mann, Mann, was ist bloß mit euch los, das kann doch gar nicht wahr sein." Das sagt ein Kölner und aufmunternde Worte von denen, sind nun wirklich das Letzte, was ich brauchen kann.

Letzter. Die Fortuna ist Letzter. Nach sechs Spielen. Mit null Punkten. Null. Null ist nichts. Gar nichts. Und zwei Tore hat die Fortuna geschossen. Und nicht einmal das stimmt, weil das zweite Tor ein Eigentor eines Münchners von 1860 war. Null Punkte, ein Tor, in ganz Deutschland dürfte es zur Zeit keine erfolglosere Mannschaft geben. In Europa wahrscheinlich auch nicht. Und wenn auf Gliese 581g, dem unlängst neu entdeckten bewohnbaren und damit bespielbaren Planeten Fußball gespielt wird, dann wird es auch dort keine Mannschaft geben, die die Bilanz der Fortuna erreicht. Null Punkte, ein Tor nach sechs Spielen, eigentlich sind es sieben Spiele, weil die Fortuna auch das Pokalspiel verloren hat, so miserabel kann auch 20 Lichtjahre von hier niemand dastehen.

Alles fing gut an

Mit sieben oder acht Jahren war ich das erste Mal bei der Fortuna, es war ein Auswärtsspiel bei Rot-Weiss Essen. Wir gewannen 4:0, also, ich will sagen, es fing gut an. Aber so blieb es ja nicht. Ich mache das alles nun seit 45, 46 Jahren mit, und was es zu all diesen Jahren zu sagen gibt, ist, dass man von der Fortuna das Verlieren lernen kann, und das ist nicht die schlechteste Schule fürs Leben.

Vor der Saison, nach dieser supertollen, wunderbaren Vorsaison, hatte ich den Aufstieg in die Bundesliga für einen etwas kühnen Wurf gehalten, aber kann man es wissen? Noch ein Jahr Zweite Liga, das wäre nicht schlimm gewesen. Zumal die aus der Stadt mit der großen Kirche und dem einstürzenden Stadtarchiv, die nicht einmal Helau sagen können, wenn sie Karneval meinen, ja absteigen. Und dann hätte es in der nächsten Saison für mich und meine Fortuna schon mal zwei Freudentage gegeben, das hätte fürs Erste gereicht, ein Freudentag beim Spiel bei denen neben der großen Kirche und einen, wenn die Kirchgänger zu uns gekommen wären.

Und jetzt? Null Punkte! Null Punkte! Null Punkte! Beim letzten Spiel gegen den VfL Bochum war ich alleine zu Hause. Ich saß vor dem Fernseher. Nach der Führung der Bochumer, holte ich den Schal aus dem Schrank. Gibt es ein stärkeres Bild der Verzweiflung, als einen Mann, der alleine zu Hause vor dem Fernseher sitzt und einen Fortuna-Schal um den Hals gebunden hat? Nichts hat es genützt. Und am Sonnabend das Auswärtsspiel in Osnabrück! Null dröhnt es im Kopf. Null blubbert es am Herzen. Null schreit die verzweifelte Seele!

Also, ich wirklich ein friedliebender Mensch, friedliebend bis zur Harmoniesucht. Im vergangenen Sommer habe ich sogar zwei Wespen, die eine tödliche Attacke auf mich geflogen hatten und die ich unter einem umgestülpten Glas gefangen nehmen konnte, kurz vor der Sauerstoffschuld begnadigt und sie von dannen ziehen lassen. So friedliebend bin ich. Ich kann keiner Fliege etwas zu leide tun. Aber wenn jetzt einer kommt und mir sagt, "ja komm, null Punkte, ist nicht schön, aber ist doch nur Fußball!", der fängt sich eine!

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