Sport : Das letzte Stück Identität

Die Fans in Kaiserslautern fürchten, dass mit dem Stadion auch der Name Fritz Walter verkauft wird

Oliver Trust

Kaiserslautern. Die Alten haben es schon ausgesprochen. Sie haben Angst. Angst um den Klub und Angst davor, dass auch das letzte Stück Pfalz bald verkauft wird. Ein Schauer kriecht ihnen über den Rücken, wenn sie daran denken, dass das ehrwürdige Fritz-Walter-Stadion bald Coca-Cola- Arena oder sonst irgendwie heißen könnte. Es kommt ihnen vor, als müsse das letzte Stück Identität geopfert werden, um im eiskalten Geschäft um Millionen überhaupt weiter zu leben.

Ottmar Walter und Horst Eckel sind verdiente Männer aus der glorreichen Zeit des 1. FC Kaiserslautern. Damals zitterte die Konkurrenz noch vor ihnen, und wenn die Lauterer mal wieder 7:0 gewonnen hatten, mussten die Spieler ihre klobigen Kickstiefel in die Hand nehmen und vor den aufgebrachten Anhängern des Gegners im Sauseschritt in die schützende Kabine flüchten. Vor ihren Nachfolgern hat heute kaum noch einer Angst.

Die größte Angst in der Pfalz ist die vor dem finanziellen Ruin, weil der Verein jahrelang das Geld aus dem Fenster geworfen hat. Die Angst, dass es jetzt nur hilft, wenn der Klub sein Stadion an irgendwen verkauft. Der 1. FC Kaiserslautern ist so weit. Nachdem die Transferrechte an Miroslav Klose bereits verkauft sind, ist die Arena auf dem Betzenberg alles, was noch übrig geblieben ist. Und der Name des verstorbenen Ehrenspielführers Fritz Walter.

An den Stammtischen in den Weinstuben wird bereits darüber diskutiert, was passiert, wenn sie auch noch den letzten Rest an familiärer Atmosphäre verlieren, auf die sie in der Pfalz so stolz sind. Leben oder sterben, heißt es dann oft. Und die Anhänger sind wohl bereit hinzunehmen, was der neue Vorstandschef René Jäggi den „bösartigsten Fall“ nennt. Der geschäftige Mann aus der Schweiz sieht die ganze Sache nüchterner. Er muss sie nüchtern sehen. Sanierer wie er können sich noch weniger Emotionen leisten als andere. „Es geht darum, eine Immobilie vom Verein zu trennen, den Klub finanziell zu entlasten und die Mietkosten so erträglich wie möglich zu gestalten“, sagt Jäggi. Der Name des Idols Fritz Walter, so sagt zumindest Jäggi, müsse gar nicht unbedingt geopfert werden. Hoffnung gibt ihm die Aussicht auf eine „regionale Lösung“. Das heißt, es gibt im Augenblick keinen namhaften Investor aus den USA, „der uns erlöst“.

Das Land Rheinland-Pfalz, die Stadt Kaiserslautern und die beteiligten Banken sollen in eine Projektgesellschaft „Fritz-Walter-Stadion“ einsteigen. Damit wäre wohl auch der Name gerettet, den die Mitglieder einst auf einer Versammlung in der Satzung verankern wollten. Weil aber Teile der ehemaligen Klubführung es wegen Formfehlern versäumten, diese Satzungsänderung beim Amtsgericht eintragen zu lassen, heißt das Stadion zwar offiziell Fritz-Walter-Stadion. „Geschützt“ aber ist der Name des Idols nicht.

Jetzt hat der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck persönlich den Auftrag erteilt, ein Konzept vorzulegen, wie die Sache ablaufen könnte. In den nächsten vier Wochen soll die Sache stehen. Die Zeit drängt. „Der Druck wird für den Klub geringer“, sagt Jäggi. Die Furcht vor dem Gau aber bleibt. Wie alles aussieht, wenn der Klub doch in die Zweite Liga absteigen muss, weiß keiner so genau. „Wir werden für beide Fälle einen Plan vorstellen“, sagt Jäggi. Land und Stadt wollen den Standort Kaiserslautern für die Weltmeisterschaft 2006 erhalten. Deshalb ist Jäggi zuversichtlich, dass die Hilfe kommt.

Alles andere als der Verkauf des Stadions, das der Klub dann mietet, käme dem Aus gleich. Das Land und die Stadt haben mehrfach betont, dass sie kein Interesse daran haben, den wichtigen Werbeträger FCK vor die Hunde gehen zu sehen. Es würde ihnen in der Pfalz niemand verzeihen. Die Provinzstadt Kaiserslautern mit ihren 130 000 Einwohnern ohne ihren berühmten Fußballklub – das wäre die schlimmste aller Vorstellungen. Zur Not, so schreiben die Fans im Internet, müsse dann eben doch der Name des Stadions herhalten. Und, wenn er damit noch helfen könnte, hätte wohl selbst der große Fritz Walter nichts dagegen, wenn mit seinem Namen für die Sünden der Vergangenheit bezahlt würde.

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