Sport : Das Leverkusener Modell

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Von Stefan Hermanns

Miyazaki. Präventive Maßnahmen wurden nicht ergriffen. Ob er ein Flachsverbot verhängt habe, um die Leverkusener Spieler vor bösen Sprüchen der Kollegen zu schützen, wurde Rudi Völler gefragt. „Ach, Quatsch“, antwortete der Teamchef der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. „Flachsverbot, so einen Käse machen wir nicht.“ Die Nationalspieler kennen jetzt sowieso keine Vereine mehr, sie kennen nur noch Deutsche, und „die Leverkusener müssen nun wirklich nicht mit gesenktem Kopf auftreten“, findet Kapitän Oliver Kahn.

Bayer Leverkusen hat in der abgelaufenen Saison zwar keinen Titel gewonnen, dafür hat die Mannschaft den schönsten Fußball gespielt, offensiv und kreativ. Und zumindest eine kleine Form der Anerkennung wird dem Team jetzt doch noch zuteil. Bayer geht gewissermaßen in Deutschland auf. Das Leverkusener Erfolgssystem dient Rudi Völler und der Nationalmannschaft als Vorbild: Der Teamchef, früher selbst Stürmer von Beruf, hat gewissermaßen die Offensive entdeckt.

Vielleicht ist das ganz gut so, nachdem es schon Zweifel gegeben hatte, ob die Leverkusener nach dem dreifachen Scheitern in Meisterschaft, Pokal und Champions League überhaupt die nötige mentale Stärke besäßen, um die Herausforderung WM zu bestehen. „Das zählt jetzt alles nicht mehr“, sagt Völler. „Es geht vorwärts.“ Mag sein, dass er vor ein paar Wochen gehofft hatte, die Bayer-Spieler würden mit goldmedaillenüberladener Siegerbrust zur Nationalmannschaft kommen; der Wunsch hat sich nicht erfüllt. Aber Völler kann sich historisch legitimiert fühlen: 1954, im Jahr der Weltmeisterschaft, unterlag der 1. FC Kaiserslautern Hannover 96 im Endspiel um die Deutsche Meisterschaft mit 1:5. Als Bundestrainer Sepp Herberger kurz darauf keinen Hannoveraner in seinen Kader berief, dafür mit Fritz und Ottmar Walter, Eckel, Kohlmeyer und Liebrich fünf der deprimierten Lauterer, löste seine Personalplanung Unmut aus. Am Ende aber gewannen die Lauterer den WM-Titel, und Herberger hatte alles richtig gemacht.

Man sollte Rudi Völler, dem früheren Bayer-Sportdirektor, keine Anhänglichkeit an seinen ehemaligen Arbeitgeber unterstellen. Aber dass das Leverkusener Spiel inzwischen auch für die Nationalmannschaft stilbildend wirkt, streitet er nicht gänzlich ab: „Es gibt vielleicht ein paar Ähnlichkeiten.“ So könnte sein Grundsystem komplett mit dem von Leverkusen übereinstimmen. Gegen Saudi-Arabien werden drei Verteidiger eine Abwehrkette bilden, davor spielen fünf Mittelfeldspieler und zwei Stürmer. Genauso hat es auch Klaus Toppmöller bei Bayer in der Regel praktiziert. Mit Carsten Ramelow, Michael Ballack und Bernd Schneider stehen heute drei Leverkusener in der Anfangself, nur Oliver Neuville sitzt auf der Bank.

In den vergangenen Tagen hat Rudi Völler immer wieder darauf hingewiesen, dass seine Mannschaft zuletzt „attraktiven Offensivfußball gezeigt“ hat. Manche wenden ein: Ja, gegen Israel und Österreich. Der Teamchef ist trotzdem zuversichtlich. Die Zahl der Chancen, „die wir kreiert haben, war schon nicht schlecht“, allein die Defensive machte Sorgen. Bei den Leverkusenern war es ähnlich. „Die haben relativ viele Tore geschossen, aber auch das eine oder andere zu viel bekommen“, sagt Völler. Doch solange es seiner Elf gelingt, eins mehr zu schießen als der Gegner, könnte der Teamchef „mit der Geschichte sehr gut leben". Und mit Platz zwei, der Leverkusener Spezialität, wären die Deutschen bei der WM auch mehr als zufrieden.

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