Sport : Das Lob der Provinz

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Stefan Hermanns über die schwere Entscheidung des Jupp Heynckes

Jupp Heynckes hat in seinem Fußballerleben nicht immer die richtigen Entscheidungen getroffen. 1967 zum Beispiel wechselte der Stürmer von Borussia Mönchengladbach zu Hannover 96 – vielleicht, weil er dort die besseren Perspektiven für sich sah, vor allem aber, weil er in Hannover mehr verdienen konnte. Richtig glücklich wurde Heynckes fern seiner Heimat nicht. In drei Jahren schoss er nur 25 Tore für Hannover, spielte nur ein einziges Mal in der Nationalmannschaft, verpasste die WM in Mexiko, und als er 1970 zu Borussia Mönchengladbach zurückkehrte, war der Klub gerade zum ersten Mal Deutscher Meister geworden. Ohne ihn.

In diesen Tagen steht Heynckes wieder vor einer ähnlichen Entscheidung. Vor der Entscheidung zwischen dem Bewährten und der Herausforderung, zwischen Bilbao, wo er innerhalb von zwei Jahren aus dem Abstiegskandidaten Athletic einen Anwärter für den UefaCup gemacht hat, und Schalke, wo ihn niemand hochleben lassen wird, wenn er den Verein nur in den Uefa-Cup führt.

Wenn Heynckes seine eigene Geschichte berücksichtigt, müsste er sich für Bilbao entscheiden. Glücklich und erfolgreich war er als Trainer immer dort, wo niemand viel von ihm erwartet hat: in Mönchengladbach, in Bilbao und auf Teneriffa. Jupp Heynckes ist ein Kind der Provinz, und nur in der Provinz hat Jupp Heynckes das sein können, was er am liebsten ist: Jupp Heynckes, der Entdecker junger Talente wie Matthäus, Effenberg und Guerrero, der legitime Nachfolger des legendären Hennes Weisweiler, der ehrliche Arbeiter – und nicht der große Blender für die Öffentlichkeit. Mehr oder weniger gescheitert ist Heynckes dort, wo der zweite Platz der Platz des ersten Verlierers ist: in München bei den Bayern, denen er vergeblich den Europacup versprochen hat; in Madrid bei Real, wo er nach dem Gewinn der Champions League entlassen wurde; in Lissabon, beim Traditionsklub Benfica, und auch in Frankfurt, wo ihm der Untergang der einst hoffnungsvollen Eintracht angelastet wird.

Wenn Jupp Heynckes – so wie es aussieht – neuer Trainer in Schalke wird, weil er dort die besseren Perspektiven für sich sieht, ist das vielleicht die falsche Entscheidung. Aber verstehen wird sie trotzdem jeder.

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