Sport : Das macht er doch sonst nicht

Bei seinem Aus im French-Open-Viertelfinale unterlaufen Roger Federer so viele Fehler wie noch nie.

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Die Liebe nicht erwidert. Das Publikum hätte Roger Federer auch einen Sieg gegen den Einheimischen Jo-Wilfried Tsonga gewünscht. Doch Federer gelang einfach nichts. Foto: dpa
Die Liebe nicht erwidert. Das Publikum hätte Roger Federer auch einen Sieg gegen den Einheimischen Jo-Wilfried Tsonga gewünscht....Foto: dpa

Die Stimmung auf den Tribünen des Court Philippe Chatrier war seltsam verhalten gewesen, bis zum Schluss. Erst, als sich Jo-Wilfried Tsonga seine beiden Matchbälle erspielte und ihm der Sieg in diesem Viertelfinale der French Open kaum noch zu nehmen schien, da brandete der tosende Jubel für ihn auf. Und es hallten „Tsonga, Tsonga-Rufe“ durchs Stadion. Die französischen Fans waren während der vergangenen anderthalb Stunden einfach zu sehr hin- und hergerissen gewesen, um sich ganz auf die Seite ihres Lokalmatadors zu schlagen. Dabei warten sie in Frankreich seit 30 Jahren sehnsüchtig auf einen neuen Champion in Roland Garros, und sie mögen Tsonga auch. Das Problem war nur, dass sie Roger Federer noch viel mehr mögen. Sie lieben den Schweizer sogar wie keinen anderen Spieler. Und so sehr sich die französische Seele den Sieg für den letzten der Ihren im Turnierfeld wünschte, so wollte das Herz doch nicht, dass Federer verliert.

Aber an diesem Tag hätte kein Applaus, keine noch so leidenschaftliche Anfeuerung den 17-maligen Grand- Slam-Sieger vor dem vorzeitigen Aus beim wichtigsten Sandplatzturnier der Welt bewahren können. „Es war einer dieser Tage, die ich ganz schnell vergessen möchte“, sagte Federer enttäuscht nach der glatten 5:7, 3:6 und 3:6-Niederlage. Er war chancenlos gewesen. Er, Roger Federer. Eine schlechtere Partie hatte der Schweizer in den letzten zehn Jahren bei keinem Grand Slam gespielt.

Tsonga dagegen hüpfte in seiner typischen Siegerpose über den Platz und jubelte: „Das war heute mein Tag!“ Er war es gewiss. Der Weltranglisten-Achte spielte ein nahezu perfektes Match und belohnte sich mit seinem ersten Halbfinaleinzug bei den French Open. „Ich würde jetzt wirklich gerne weiter tanzen und euch alle umarmen“, wandte sich Tsonga ans Publikum, „aber ich muss die Spannung halten. Es geht ja noch weiter.“

Federer war dieses Mal nicht in der Lage gewesen, Tsonga aufzuhalten. Es wirkte seltsam, den vielleicht bisher besten Spieler des Tenissports so hilflos zu sehen. Einfach nichts wollte funktionieren. Das Publikum erschrak manches Mal über die Fehler, von denen es nicht geglaubt hätte, sie könnten Federer unterlaufen. Sogar die Überkopfbälle misslangen völlig, ein Zeichen für sein mangelndes Selbstvertrauen. „Jo war in allen Belangen besser: Ich hatte kein Timing, keinen Rhythmus, keinen Aufschlag. Nichts hat geklappt“, ärgerte sich Federer.

Im ersten Satz hatte der 31-Jährige noch mit dem Break zum 3:2 geführt, doch nach Tsongas Ausgleich zum 4:4 ging es mit Federers Spiel rapide bergab. Schon gegen Gilles Simon in der Runde zuvor hatte sich Federer nach einer Schwächephase in fünf Sätzen retten müssen. Tsonga ließ ein Aufbäumen jedoch nicht zu. Druckvoll, variabel und mit stark verbesserten Returns frustrierte er den Schweizer mehr und mehr. Die Arbeit mit seinem neuen Trainer Roger Rasheed hat besonders Tsongas Beweglichkeit gut getan.

„Ich hatte erwartet, dass es ein sehr schweres Match wird“, sagte Federer, „Jo ist sehr gefährlich und spielt immer aggressiv. Irgendwann hat bei ihm dann einfach alles funktioniert.“ Schon vor zwei Jahren in Wimbledon hatte Tsonga ihm im Viertelfinale eine seiner bittersten Niederlagen beigebracht, nachdem Federer schon mit 2:0 nach Sätzen geführt hatte. Seither blieb der Schweizer in ihren Duellen meist Sieger, wie zuletzt bei den Australian Open. „Ich habe Roger am Netz gesagt: Danke, dass du mich dieses Mal hast gewinnen lassen“, sagte Tsonga und grinste.

Nach Lachen war Federer nicht zumute, dabei war sein 36. Viertelfinaleinzug in Folge bei seinem 54. Grand Slam und sein 900. Karrieresieg als weiterer Meilenstein eigentlich Anlass zur Freude gewesen. „Ich bin ans Verlieren nicht so gewöhnt wie ans Gewinnen“, sagte Federer, „vielleicht nervt es mich deshalb so.“ Trösten konnte ihn nur der Gedanke an die Rasensaison, die für ihn in der nächsten Woche im westfälischen Halle beginnt. „Ich werde jetzt nach vorne schauen, für mich ist der Tag schon abgehakt“, betonte Federer. „ich freue mich sehr auf Halle. Es ist nun zehn Jahre her, dass ich dort und danach in Wimbledon zum ersten Mal gewann.“ Es dürften wieder bessere Tage für ihn kommen.

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