Sport : Das Märchen aus dem Morgenland

Sebastian Vettel gewinnt den Strategiekrimi von Abu Dhabi und wird jüngster Formel-1-Weltmeister der Geschichte

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Rauch in der ersten Kurve. Für Michael Schumacher (unten) endete auch das letzte Rennen der Saison erfolglos. Nach einem Dreher raste Vitantonio Liuzzi in sein Auto. Foto: AFP Foto: AFP
Rauch in der ersten Kurve. Für Michael Schumacher (unten) endete auch das letzte Rennen der Saison erfolglos. Nach einem Dreher...Foto: AFP

Der Mond leuchtete sein schönstes Gelb, aber etwa 400 000 Kilometer unter ihm, in der Wüste von Abu Dhabi, leuchtete jemand noch ein bisschen heller. Es war Sebastian Vettel, der gerade vom Star zum Superstar aufgestiegen war. Mit einem wundersamen Sieg im 19. und letzten Rennen der Saison hatte der Heppenheimer doch noch den schon verloren geglaubten Titel geholt und war soeben der jüngste Weltmeister der Formel-1-Geschichte geworden. Nach seiner Zieldurchfahrt vor dem McLaren-Duo Lewis Hamilton und Jenson Button schluchzte der 23-Jährige nach dem wichtigsten seiner nun zehn Grand-Prix-Siege unter seinem glitzernden Helm hemmungslos. „Danke, ich liebe euch“, stammelte der Sonnyboy der Formel 1 über den Boxenfunk an sein Team Red Bull. Bei der deutschen Hymne während der Siegerehrung zitterten seine Lippen, nur mit Mühe konnte er die Tränen zurückhalten.

„Ich bin total leer“, sagte er, als er sich wieder ein bisschen gefangen hatte. „Es ist unglaublich, jetzt in einer Reihe mit Ayrton Senna oder Michael Schumacher geführt zu werden“, erklärte er, während seine Augen wieder glasig wurden.

Vettel war bis zuletzt ahnungslos gewesen, ob er die 15 Punkte Rückstand auf den Führenden Fernando Alonso würde aufholen können. „Um ehrlich zu sein, wusste ich überhaupt nichts, bis ich über die Ziellinie fuhr.“ Die letzten zehn Runden habe sich sein Renningenieur jede Runde gemeldet, um ihm dabei zu helfen, das Auto nach Hause zu bringen. „Ich dachte: Warum ist der Typ so aufgeregt? Wir müssen in einer höllisch guten Position sein. Dann schrie er mir über Funk zu: Du bist Weltmeister.“ Danach bedankte er sich bei allen Förderern von seiner Großmutter bis zu Red-Bull-Gründer Dietrich Mateschitz. „Zum Schluss hatten wir mehr Glück als Verstand“, sagte Mateschitz. „Aber das passt schon.“

Besonders warme Worte hatte Vettel für Renault übrig, und dafür hatte er doppelten Grund: Der Renault-Motor in seinem Heck hatte entgegen allen Befürchtungen die 55 Runden durchgehalten, und die Renault-Stammfahrer Robert Kubica und vor allem Witali Petrow hatten maßgeblichen Anteil daran, dass der Ferrari-Pilot Alonso nicht den vierten Platz erreichte, der ihm zum dritten Titelgewinn gereicht hätte. Vettel übersandte Petrow die besten Wünsche für seine Vertragsverhandlungen: „Hoffentlich bleibt er auch nächstes Jahr in der Formel 1.“

Bei seiner Fahrt an der Spitze des Feldes hatte er hin und wieder auf die Bildschirme entlang der Strecke gelinst. „Manchmal habe ich da einen Ferrari hinter einem Renault gesehen, und dann dachte ich mir: Ist das Alonso?“ Er war es. Der große Favorit hatte sich in dem packenden Strategiekrimi verspekuliert und fuhr schließlich nur als Siebter über die Ziellinie des Yas Marina Circuit.

Bei einem bedankte sich Vettel mit einer innigen Umarmung: bei Michael Schumacher. Wenn man es genau nimmt, war es der Rückkehrer, der Vettel zum Weltmeister gemacht hatte – mit einem Crash, der ihn fast das Leben gekostet hätte. Der Rekordchampion war zwar wie auch die vier Titelanwärter unfallfrei durch die erste Kurve gekommen. Kurz danach aber drehte er sich beim Duell mit seinem Mercedes-Teamkollegen und wurde vom Force-India-Piloten Vitantonio Liuzzi regelrecht aufgespießt. Schumacher entging einer wirklichen Katastrophe nur denkbar knapp: Liuzzis Vorderrad verfehlte seinen Kopf um wenige Zentimeter.

Die folgende Safetycar-Phase nutzten diverse Piloten zu ihrem frühen Pflichtboxenstopp, darunter Nico Rosberg und Petrow. Während die beiden WM-Kandidaten Vettel und Lewis Hamilton (McLaren) an der Spitze davonzogen, lag Alonso auf dem ominösen vierten Rang vor seinem vermeintlich härtesten WM-Rivalen, Vettels Teamkollege Mark Webber. Doch dann berührte Webber eine Leitplanke mit dem rechten Hinterreifen, kam kurz darauf zu einem Reifenwechsel in die Box und trat damit ein Strategiedurcheinander los. Webber versuchte im hinteren Feld die benötigte Zeit auf Alonso bis zu dessen Stopp aufzuholen, und als er drauf und dran war, das zu tun, holte Ferrari Alonso ebenfalls früh zum Reifenwechsel. Das war der entscheidende Fehler, aber Alonso hatte keine andere Wahl. „Wenn wir nicht an die Box gekommen wären, hätte uns Webber womöglich überholt“, sagte der enttäuschte Spanier.

So aber hing er danach hinter Rosberg und Petrow fest. Der Russe, der in dieser Saison bei Renault bevorzugt Schrott und Spott produziert hatte, war plötzlich Vettels entscheidender Trumpf im Titelkampf geworden. Zweimal kam der wütend anrennende Spanier neben die Strecke, vorbei aber kam er nicht. Weil sein Stallgefährte Petrow hinten blockierte, zog der polnische Renault-Pilot Robert Kubica nach seinem späten Boxenstopp auch noch vor seinem Kumpel Alonso zurück auf die Piste. Alonso zeigte sich später als schlechtestmöglicher Verlierer und bedachte den tapferen Petrow mit obszönen Gesten, weil der „zu aggressiv“ gefahren sei. Erst später fügte sich Alonso in sein Schicksal. „Er hat auch nur sein Bestes versucht, es war alles fair und sauber“, stellte er resignierend fest. „So ist der Rennsport. Da kannst du nur gratulieren.“

Sebastian Vettel hörte es gern. Er wurde zeitweise philosophisch und erinnerte sich an all das Ungemach, das ihm in diesem Jahr widerfahren war. „Es war eine unglaublich harte Saison, besonders mental“, sagte er, während er in Gedanken noch einmal alle technischen und menschlichen Patzer durchging. „Aber ich habe nie aufgehört, auf mich zu glauben.“

Dann wollte er endlich feiern, vielleicht mit etwas stärkerem als dem alkohollosen Rosenwasser, das er als Champagnerersatz auf dem Podest kredenzt bekam. „Ich denke, es wird Tageslicht geben, bevor ich schlafen gehe“, erklärte er grinsend, bevor er sich im Mondlicht zur Party seines Teams aufmachte. Einen Gast lud er noch persönlich ein: „Wir haben einen Typen in unserem Team, der kennt die Namen aller Weltmeister seit 1950.“ Er wird wohl keine Schwierigkeiten haben, sich den Namen des Jahres 2010 zu merken.

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