Sport : Das Meilenmonster

Konkurrenzlos auf den Weltmeeren: Einhandsegler Bernard Stamm zieht beim Velux Five Oceans Race davon

Kai Müller

Berlin - Einhandsegler wählen die Einsamkeit, hat ein Pionier der Szene einmal gesagt, um ihre Schwächen vor anderen zu verbergen. Lieber sind sie mit ihrem Versagen allein, als dass sie ihre Fehler anderen zumuten. Solche scheint der Extremsegler Bernard Stamm allerdings nicht zu kennen. Nach 42 Tagen auf See gewann er am Montag souverän die erste von drei Etappen des Velux Five Oceans Race über 12 000 Meilen vom spanischen Bilbao nach Fremantle, Australien. Der 44-jährige Schweizer führte die sich dezimierende Open-60-Flotte so überlegen an, dass er es sich sogar erlaubte, zwei Tagesreisen vor dem Ziel ausgiebig zu schlafen. Mit 15 Knoten preschte seine Cheminées Poujoulat aus den stürmischen Breiten des Südpolarmeers nach Norden, während er „zum ersten Mal seit über einem Monat eine Stunde durchschlief“.

Das Hochseerennen, das Stamm schon einmal gewann, als es noch Around Alone hieß, ist längst kein Konkurrenzkampf mehr. Von den ursprünglich sieben Weltumsegelungsaspiranten überquerte einer gar nicht erst die Startlinie, zwei weitere gaben vorzeitig auf, so dass sich nur noch zwei Neulinge in dieser Königsklasse des Ozeansports sowie ein 67-jähriger Veteran und ein passionierter Amateursegler, der mit 53 Jahren seinem Jugendtraum nachjagt, im Feld befinden. Und sie alle hadern, noch mehrere Tausend Meilen vom Ziel entfernt, mehr mit sich selbst und den immer länger werdenden Schadenslisten an Bord zu kämpfen, als dass sie ihre hochgezüchteten 18-Meter-Yachten an die Grenze der Belastbarkeit trieben. Denn Ankommen ist schon schwer genug.

Das zeigte sich bereits wenige Stunden nach dem Startschuss in Bilbao Ende Oktober. Ein Orkan mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 120 Stundenkilometern fegte über das Teilnehmerfeld hinweg. Stamm suchte als Einziger den Schutz der spanischen Steilküste, schlich mit stark reduzierter Segelfläche dicht unter Land dahin – und bekam gar nicht mit, dass er plötzlich in Führung lag; nur noch gefolgt von dem wackeren Kojiro Shiraishi, den Japaner an Bord der Spirit of Yukoh hatte der Sturm allerdings weit abgedrängt. Alle anderen suchten Nothäfen auf. Als Erster kehrte Mitfavorit Alex Thomson um (Hugo Boss), nachdem sein wichtigstes Vorsegel zerfetzt worden war. Es folgten Mike Golding auf Ecover, dem die Böen das Großsegel aus dem Mast gerissen hatten, sowie Sir Robin Knox-Johnston (SAGA Insurance). Der betagte, weißhaarige Engländer, der 1969 als erster Solosegler die Erde ohne Zwischenstopp umrundet hatte und dem Velux Five Oceans eigentlich als Präsident vorsteht, bewies zwar, dass er noch immer über eine unerbittliche Ausdauer verfügt, aber gegen eine defekte Mastschiene war auch er nicht gefeit.

Im Gegensatz zum Vendée-Globe-Rennen ist bei dieser Hochseehatz die Inanspruchnahme von äußerer Hilfe gestattet. Nach einer Strafzeit von 48 Stunden, in denen die Segler ihre lädierten Schiffe wieder auf Vordermann brachten, nahmen vor allem Thomson und Golding die Verfolgung auf. Die beiden Asse lieferten sich einen harten Zweikampf. Wobei beiden das Missgeschick widerfuhr, dass ihre Boote in voller Fahrt aus dem Ruder liefen und platt auf das Wasser gedrückt wurden. Folge eines Risikos, bei dem das Segeltuch bei plötzlichen Wetterumschwüngen oft nicht schnell genug verkleinert wird. Dann jagen die Boote unter enormer Belastung dahin, während die Skipper unter Deck vor Computerbildschirmen nach dem Schlupfloch in der Wetterlage oder eine Ruhepause suchen. Schlafentzug, der hämmernde Lärm des Wassers an den unverkleideten Fiberglas-Carbon-Rümpfen sowie ständige Furcht tragen ihren Teil dazu bei, dass sie erschöpft das Falsche machen.

In der südlichen Hemisphäre schien es zunächst, als würde sich der junge Thomson gegen seinen erfahreneren Landsmann Golding durchsetzen. Doch dann brach tausend Meilen südlich von Kapstadt die Kielkonstruktion der Hugo Boss. Thomson musste sein edles, mattschwarzes Gefährt aufgeben, das wie ein Fisch, dem die Schwimmblase geplatzt ist, hilflos auf der Seite trieb. Der 32-Jährige, der in drei Jahren dreimal die Welt umrunden wollte, wurde von Golding abgeborgen. Der war 80 Meilen gegen Wind und die für diese Region beängstigenden Wellenberge aufgekreuzt, um Hilfe zu leisten.

Aus dem Helden wurde wenig später ein tragischer. Die Ecover hatte ihren Gast kaum einquartiert, da brach der Mast. Unter einem Notrigg schlug sich das gebeutelte Duo nach Kapstadt durch. Dort gab auch Golding seinen Abschied vom Rennen bekannt. So ist Stamm der einzig verbleibende Spitzensegler. Ihm könnte gelingen, was noch keiner geschafft hat: zwei Mal als Schnellster um die Welt zu segeln.

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