Sport : Das Menetekel von St.Elisabeth

STEFAN HERMANNS

Wie Gladbach die eigene Geschichte vergißt und nun dafür büßtVON STEFAN HERMANNS MÖNCHENGLADBACH.Von den teuren Tribünenplätzen des Bökelbergstadions ist das Menetekel nicht zu übersehen.Auf der anderen Seite der Bökelstraße, an der Elisabethkirche im Mönchengladbacher Stadtteil Untereicken, zeigt die Turmuhr seit anderthalb Jahren, was die Stunde geschlagen hat.Das altersschwache Uhrwerk hat seinen Geist aufgegeben, die Zeiger stehen lange schon auf sechs vor zwölf.Zufall? Nicht ganz."Wir haben die Uhr selbst auf kurz vor zwölf gesetzt", sagt Pfarrer Guido Leisse."Das kann man immer mal brauchen." An Borussia, den Nachbarn von der anderen Straßenseite, hat damals niemand gedacht, Leisse, der von sich sagt, "er habe keinen Zugang zum Fußball", schon mal gar nicht.Der Gemeinde fehlt einfach das Geld, um die Uhr zu reparieren."Eine Kerze anzünden und beten", hat Ex-Borusse Berti Vogts auf die Frage geantwortet, wie sein früherer Verein noch zu retten sei.Bei der Telefonaktion einer Gladbacher Lokalzeitung glaubte ein Anrufer, daß "wohl nur noch Voodoo helfen kann".Einen Spieltag vor Saisonschluß haben die Gladbacher nur geringe Chancen, nach 33 Jahren Bundesligazugehörigkeit weiterhin erstklassig zu bleiben.Sie müssen nicht nur selbst in Wolfsburg gewinnen, sie müssen auch hoffen, daß wahlweise Rostock Karlsruhe oder 1860 München den VfL Bochum schlägt.Vor anderthalb Wochen haben die Gladbacher 2:3 in Kaiserslautern verloren.2:0 hatten sie geführt, und erst in letzter Minute fiel der Siegtreffer für den FCK.Das ist typisch.Keine Mannschaft verliert so schön wie Borussia Mönchengladbach.Früher war das nicht anders - nur auf höherem Niveau.Als die Borussen 1971 im Europapokal 7:1 gegen Inter Mailand, die damals beste Mannschaft der Welt, gewannen, schieden sie trotzdem aus dem Wettbewerb, weil das Spiel annulliert wurde.Das Scheitern ist bei Borussia Mönchengladbach fester Bestandteil der Vereinsgeschichte.Vielleicht aber hat gerade das die Mannschaft über das Maß eines einfach nur erfolgreichen Klubs in ganz Deutschland so beliebt gemacht.Strahlende Sieger werden verehrt; geliebt werden nur tragische Verlierer.Und das waren die Gladbacher fürwahr oft genug.Der - trotz aktueller Misere - immer noch legendäre Ruf des Vereins entstand in den siebziger Jahren, als Hennes Weisweilers Fohlen-Elf aus der niederrheinischen Provinz mit ungebändigtem Offensivgeist der Gegenentwurf war zum perfektionistischen, aber bisweilen etwas langweiligen Fußball der Bayern aus München.Das Prinzip Gladbach bedeutete Spielen um des Spielens willen.Seine Symbolfigur war Günter Netzer, der langhaarige Ferrari-fahrende Diskotheken-Besitzer, der erste Pop-Star der Bundesliga; den bayerischen Ergebnis-Fußfall verkörperte Familienvater Franz Beckenbauer.Hier der Rebell, dort der Kaiser.Aus jenem goldenen Jahrzehnt der Gladbacher, in dem sie fünfmal Meister wurden, einmal den DFB-Pokal und zweimal den UEFA-Cup gewannen, sind nur die Erinnerungen geblieben.Borussia Mönchengladbach ist längst ein ganz normaler Bundesligaverein.Bezeichnenderweise hat der Niedergang genau zu der Zeit eingesetzt, als der Verein seine eigene Geschichte vergaß.Die Gladbacher haben ihre Bescheidenheit verloren.Nach dem Pokalsieg von 1995 wähnten sie sich wieder zur nationalen Spitze gehörend, träumten von lukrativen Europapokalnächten in der Champions League und stehen jetzt vor dem Abgrund.Früher war selbst in schwierigen Zeiten die Entlassung des Trainers undenkbar; inzwischen ist sie auch in Gladbach übliches Mittel der Personalpolitik.In dieser Saison haben vor Friedel Rausch schon Hannes Bongartz und Norbert Meier die Gladbacher betreut.Das sind so viele Trainer wie in den ersten 22 Jahren nach dem Aufstieg in die Bundesliga.Das Konzept, mit teuren Stars in die Spitze zurückzukehren - das genaue Gegenteil des Weisweilerschen Prinzips der permanenten Talentförderung - ist jedenfalls gründlich gescheitert.Jetzt, in Zeiten ärgster Not, besinnen sich die Borussen alter Tugenden: Wie 1965 eine verstärkte Niederrhein-Auswahl um Spieler aus Mönchengladbach und Umgebung, um Netzer, Heynckes und Laumen, in die Bundesliga aufstieg, so sollen nun jene Akteure eine Rolle spielen, für die der VfL immer schon mehr war als nur einer von vielen Arbeitgebern.Unlängst beim 2:1-Sieg in Dortmund standen mit Pflipsen, Hoersen, Ketelaer und Lintjens vier gebürtige Gladbacher auf dem Feld, dazu zwei Spieler - Effenberg und Hausweiler - die schon in der Jugend Borussen waren.Solche Leute suchen die Gladbacher nun auch für den Wiederaufstieg.

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