Sport : Das Mittelfeld ist nicht genug

Seit 1990 war Norbert Haug Motorsportchef von Mercedes. Nun muss er gehen, weil der Erfolg ausblieb.

von
Große Namen, kein Erfolg. Unter Norbert Haug blieb auch der siebenmalige Weltmeister Michael Schumacher sieglos. Foto: dpa
Große Namen, kein Erfolg. Unter Norbert Haug blieb auch der siebenmalige Weltmeister Michael Schumacher sieglos. Foto: dpaFoto: dpa

Berlin - Vor gut zwei Wochen in Sao Paulo beim letzten Grand Prix des Formel-1-Jahres feierte Norbert Haug seinen 60. Geburtstag. Beim traditionellen Mercedes-Abendessen in einer sehr bekannten Churrascaria, einem dieser typisch brasilianischen Fleischlokale, da war von einem Abschied noch nichts zu spüren. Er wolle 2013 wieder angreifen, erklärte er. Am Donnerstag aber war von Aufbruchstimmung nichts mehr zu spüren. Nach 22 Jahren muss der Motorsportchef Norbert Haug Mercedes verlassen. Der Vertrag mit Haug werde zum Jahresende offiziell „in gegenseitigem Einvernehmen“ aufgelöst, teilte das Unternehmen mit.

„Ich bin total überrascht und habe erst heute davon erfahren“, sagte Niki Lauda auf „Sky“. „Es tut mir sehr leid, denn ich hätte mit Norbert gerne weiter gearbeitet.“ Doch ganz so ahnungslos war der neue Aufsichtsratsvorsitzende des Mercedes-Formel-1-Teams wohl nicht. Bereits beim Rennen in Indien soll er ausgeplaudert haben, dass Haug 2013 nicht mehr Mercedes-Sportchef sein werde. Auch im Deutschen Tourenwagen-Masters (DTM) wurde nicht erst seit dem Saisonfinale in Hockenheim über Haugs Zukunft gemunkelt, als Mercedes alle drei Meisterschaften in den Bereichen Fahrer, Team und Marke verlor.

Seit 1990 stand Haug, der seine Karriere als Motorsport-Journalist begann, an der Spitze des Mercedes-Motorsports. In dieser Zeit gewannen die Stuttgarter als Motorenlieferant viermal die Fahrer-WM in der Formel 1 mit McLaren und Brawn. Unter seiner Regie wurde das Brawn-Team übernommen, zum Mercedes-Werksteam umformiert und Michael Schumacher verpflichtet. Doch abgesehen von Nico Rosbergs Sieg in China in diesem Jahr fuhren die Silberpfeile meist nur im Mittelfeld herum.

Auch mit seiner Arbeitsauffassung machte sich Haug teamintern nicht nur Freunde. Zwar war er gesellig und einer netten Party nie abgeneigt, aber manchmal auch etwas sehr temperamentvoll in Sachen Menschenführung und auch im Umgang mit Kritik. Es mag nicht wenige gegeben habe, die die ausbleibenden Erfolge als Anlass nahmen, über die Personalie Haug noch einmal nachzudenken.

In der offiziellen Pressemitteilung wurden zwar keine konkreten Gründe angeführt, doch Norbert Haug selbst machte den fehlenden Erfolg als Hauptfaktor für sein Ende bei Mercedes aus. „Es gibt immer einen Gesamtverantwortlichen“, sagte er dem „Sport-Informationsdienst“. „Wir haben natürlich auch in den letzten drei Jahren Erfolge gehabt, aber nicht durchgängig genug. Deshalb mussten jetzt Weichen gestellt, Zeichen gesetzt werden.“ Haug betonte auch, Lauda sei nicht die treibende Kraft hinter seiner Ablösung gewesen: „Niki hatte damit absolut nichts zu tun.“

Die große Frage ist nun: Wie geht es weiter? Motorsport war bei Mercedes bisher das alleinige Reich von Haug, nicht umsonst bedankte er sich zum Abschied für den Freiraum, den ihm auch der Vorstand bei seinen Tätigkeiten immer gegeben habe. Und es scheint auch niemand auf dem Motorsport-Markt zu sein, den man kurzfristig von außen holen könnte. Dass Niki Lauda alle Funktionen übernimmt, ist eher unwahrscheinlich. Schon allein, weil sich der gesundheitlich angeschlagene Österreicher den dafür nötigen Arbeitsaufwand bestimmt nicht antun will.

Mercedes-Insider halten derzeit auch eine Neustrukturierung mit einer Trennung der Verantwortung für die Bereiche Formel 1 und DTM für möglich. Im DTM-Bereich stehen dafür erfahrene Macher wie Gerhard Ungar oder Hans-Jürgen Mattheis bereit. In der Formel 1 ist das nicht so einfach. Zumal die Zeit knapp ist und der Erfolgsdruck extrem hoch, nicht zuletzt deshalb, weil Betriebsrat und Aufsichtsrat für die kolportierten 150 Millionen Euro Saisonetat Erfolge sehen wollen. 2013 mit dem neuen Piloten Lewis Hamilton läuft noch als Übergangsjahr, spätestens 2014 soll dann aber der Titel her. Wer auch immer Norbert Haug beerbt – er ist nicht zu beneiden.

0 Kommentare

Neuester Kommentar