Sport : Das Monstrum Sympathie

Das Publikum feiert die deutsche Elf – sie ist Jürgen Klinsmanns Werk

Michael Rosentritt[Leipzig]

Plötzlich hatte Bastian Schweinsteiger die gerahmte Urkunde in der Hand. Der junge Nationalspieler wusste nicht so recht, was er nach dem 4:3-Sieg über Mexiko auf dem Rasen des Leipziger Zentralstadions mit diesem unhandlichen Monstrum anfangen sollte. Wie gut, dass der Pressesprecher des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) gerade des Weges kam. Weg mit dem Ding. Schön, Deutschland war gerade Dritter geworden bei diesem Confed-Cup, aber was ist das im Vergleich zu dem Jubel des Publikums, der über die Spieler hereinbrach?

Jürgen Klinsmann hatte derweil mit einem anderen, weit unhandlicheren Monstrum zu tun, dem Monstrum Sympathie. Der Bundestrainer musste mit anhören, wie das Volk im Rang seinen Namen rief. Nur seinen. Es rief nicht Ballack, nicht Podolski und nicht Huth. Die Fans riefen „Jürgen Klinsmann“. Es war das erste Mal überhaupt, dass sie das taten, das erste Mal seit elf Monaten. Klinsmann stand im Mittelkreis des Fußballfeldes und versuchte so zu tun, als wenn er die Sprechchöre nicht hörte. Aber das Publikum ließ nicht locker. Es rief fortwährend seinen Namen.

Jürgen Klinsmann war überrumpelt, wie er hinterher sagte. Fast ein Jahr hat es gedauert, ehe aus dem distanzierten Verhältnis, das geprägt war von Skepsis, von Misstrauen ja sogar von offener Ablehnung, Anerkennung und Sympathie geworden ist. „Es freut einen natürlich, wenn einem die Leute Wertschätzung geben“, sagte Klinsmann etwas irritiert. Anders als Rudi Völler, der auf Anhieb ein voller Publikumserfolg war, als er kurz nach der vergeigten EM 2000 die deutsche Elf zu reanimieren wusste, musste Klinsmann sich diese Sympathie erarbeiten. Völler reichte pure Präsenz. Sein Name stand beispielhaft für die guten alten deutschen Fußballtugenden. Völler war schon als Spieler anders als Klinsmann und blieb auch als Trainer einer aus der Mitte, einer von uns. Klinsmann kommt von außen; ewig lächelnd im Umgang, schnell und kühl – eben amerikanisch – im Handeln. Seine Überzeugungen und sein Erneuerungstempo wirkten auf viele befremdend. Jetzt hat er sich durchgesetzt. „Einige Spieler sind auf dem Zahnfleisch daher gekommen, haben das Letzte aus sich herausgequetscht“, sagte Assistenztrainer Joachim Löw. Der Sieg über Mexiko in der Verlängerung mit nur zehn Mann entspricht dem Credo, das Klinsmann vorgegeben hat: „ In jedem Spiel das Beste zu geben, ans Limit gehen. Diese Mannschaft steht dafür.“ Es ist das Resultat seiner Arbeit, das die Menschen honorieren. Die Deutschen trauen ihrer Mannschaft zu, etwas Großes leisten zu können. Sie honorieren das offensive und risikoreiche und immer noch mit Fehlern behaftete Spiel. Und sie haben gemerkt, dass es Klinsmanns Werk ist.

Unter Klinsmann haben sich Spieler wie Mertesacker, Schweinsteiger oder Huth enorm entwickelt. Der Lernprozess des kantigen Huth sieht Klinsmann „als exemplarisch für die gesamte Mannschaft“. Wann immer der Bundestrainer in den vergangenen Tagen über Huth sprach, erzählte er auch etwas über sich. „Wie er sich durchgeboxt hat, wie er Fehler wegsteckt und sie selbst versucht zu korrigieren – das ist absolut beeindruckend“, sagte Klinsmann.

Die Mannschaft ist unter Jürgen Klinsmann enorm gewachsen. Sie muss sich verbessern und sie zeigt, dass sie es will. Der Sieg über Mexiko war wichtig, denn das letzte Spiel wird haften bleiben. Und mit ihm die Anerkennung und die Sympathie für Jürgen Klinsmann.

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