Das nächste Negativ-Novum : Handballern droht historisches EM-Aus

Nach der Niederlage in Montenegro hat Deutschland nur noch theoretische Chancen, sich für die EM zu qualifizieren. Durch die Misserfolge des Teams gerät Bundestrainer Martin Heuberger zunehmend in die Kritik.

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Hand aufs Herz. Stefan Kneer (beim Wurf) und die deutschen Handballer stehen vor einem historischen Debakel – mal wieder. Foto: dpa
Hand aufs Herz. Stefan Kneer (beim Wurf) und die deutschen Handballer stehen vor einem historischen Debakel – mal wieder.Foto: dpa

Wenn es tatsächlich noch eines Zeichens der Nachdenklichkeit bedurfte, dann kam es von Oliver Roggisch. Betreten blickte der Kapitän der deutschen Handball-Nationalmannschaft beim Interview nach dem Spiel zu Boden, mit der Hand fuhr er durch seinen Sechstagebart und wenig später durch die Frisur. Wer Roggischs gewöhnliche Körpersprache kennt, muss zwangsläufig zusammengezuckt sein. Zumal der sonst so selbstbewusste Kapitän noch einen Satz sprach, der das Desaster vom Mittwochabend trefflich zusammenfasste. „Wenn wir es noch schaffen sollten“, sagte Roggisch, „dann wäre das eine Sensation.“

Es heißt in diesem Fall: die Qualifikation zur Europameisterschaft 2014 in Dänemark. Nach der 25:27-Niederlage im vorletzten Qualifikationsspiel der Gruppe 2 in Montenegro droht der Nationalmannschaft nämlich das erstmalige Verpassen der 1994 eingeführten EM-Endrunde. Zwar sagt Heiner Brand: „Man sollte zunächst den Samstag abwarten, bevor man voreilige Schlüsse zieht.“ Allerdings muss der Manager des Deutschen Handball-Bundes (DHB) vor dem finalen Qualifikationsspiel gegen Israel auch einräumen, „dass die Ausgangslage durch die jüngste Niederlage alles andere als günstig ist“ – und das ist noch euphemistisch formuliert. Schließlich sind die Deutschen (4:6 Punkte) selbst im Falle eines eigenen Sieges auf Schützenhilfe der bereits qualifizierten Montenegriner (8:2) angewiesen, die parallel in Tschechien (6:4) spielen. Entsprechend ratlos äußerte sich Bundestrainer Martin Heuberger. Er müsse „erst mal das Spiel verarbeiten, bevor ich mir Gedanken um ein mögliches Wunder mache“, sagte er. Was sollte er auch sagen?

Heuberger wird bereits geahnt haben, dass die Debatte um seine Zukunft als Bundestrainer durch die Geschehnisse vom Mittwoch neu genährt wird, zumal die DHB-Auswahl unter seiner Verantwortlichkeit bereits die Olympia-Teilnahme im vergangenen Jahr verspielt hatte. Auch das war ein Novum in der Verbandsgeschichte. Nach der Niederlage gegen Montenegro gab sich Heuberger zwar kämpferisch und betonte, weiter an Aufbau und Umbruch der DHB-Auswahl arbeiten zu wollen. „Aber ob man mich lässt, weiß ich nicht. Das liegt nicht in meiner Macht“, sagte er. Für DHB-Präsident Ulrich Strombach ist eine Entlassung Heubergers, der einen Vertrag bis 2014 besitzt, offenbar kein Thema. „Ich sehe keine Notwendigkeit, personelle Konsequenzen zu ziehen“, sagte er am Donnerstag dem ZDF. Die Mannschaft habe immerhin vorbildlich gekämpft.

Zur ganzen Wahrheit gehört allerdings auch, dass Strombach seinen Posten beim DHB-Bundestag im September ebenso räumen wird wie Vizepräsident Horst Bredemeier – und dass sich die verdienten Funktionäre wohl nur ungern mit einer Entlassung des Mannes verabschieden wollen, den sie vor knapp zwei Jahren als Nachfolger Brands präsentiert haben. Horst Bredemeier sagt: „Das aktuelle Präsidium wird sicherlich keine Trainer-Entscheidung mehr treffen. Das müssen unsere Nachfolger besprechen.“ Zu den Kandidaten auf einen Führungsposten im Verband zählt unter anderem Bob Hanning, der Geschäftsführer von Bundesligist Füchse Berlin.

„Ich bin mir zu 100 Prozent sicher, dass unser aktuelles Präsidium von der Grundeinstellung her zu seriös ist, um Martin zu entlassen. Und das finde ich auch richtig, weil mich die Trainerdiskussion mittlerweile richtig ankotzt“, sagt Brand. Für den ehemaligen Nationaltrainer wird sein Nachfolger in der öffentlichen Wahrnehmung nicht fair behandelt. „Die Probleme liegen nicht bei Martin, sondern in ganz anderen Bereichen, auf die ich bereits vor Jahren hingewiesen habe“, sagt Brand. Soll heißen: der nachweislich gute deutsche Nachwuchs erhält in der Bundesliga mit wenigen Ausnahmen kaum die Gelegenheit, sich zu entwickeln. Das Stichwort Anschlussförderung läuft beim DHB seit Jahren in der Endlosschleife, ohne dass ein Umdenken bei den Vereinen stattfindet.

Andererseits: Muss es nicht der natürliche Anspruch des mitgliederstärksten Handball-Verbands der Welt sein, an einer EM-Endrunde teilzunehmen? Und ist es folgerichtig nicht nur logisch, dass die Bundestrainerfrage gestellt wird, sofern die Qualifikation in Gefahr gerät? „Für den deutschen Handball wäre es ein schwerer Schlag, wenn wir nicht nach Dänemark fahren. Andererseits haben sich auch andere Sportarten schon von solchen Rückschlägen erholt“, sagt Brand.

Bleibt die Frage, wie die guten Leistungen des Nationalteams bei der jüngsten WM in Spanien mit denen in der Qualifikation zu erklären sind. Brand sagt dazu: „Die Leistungsdichte im Welthandball ist enorm. Wir können auch weiter große Nationen schlagen.“ Nur für die kleinen reicht es offenbar nicht mehr.

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