Das neue Dach : Erste Nightsession in Wimbledon

Eine neue Zeitrechnung hat begonnen im ehrwürdigen Wimbledon: Auf Druck der BBC spielt der Brite Andy Murray bei geschlossenem Dach unter Flutlicht bis 22.38 Uhr.

Petra Philippsen[London]

London - Die Traditionalisten hatten bisher immer die Oberhand im All England Lawn Tennis Club behalten, jene, die am liebsten alles so belassen würden, wie vor 123 Jahren, als die ersten Meisterschaften an der Church Road ausgetragen wurden. Dass sie sich vor fünf Jahren dem Druck der BBC beugen und dem Ausbau einer Dachkonstruktion zustimmen mussten, war ein schlimmes Zugeständnis. Wohl auch, weil sie fürchteten, mit der Fertigstellung würde eine neue Zeitrechnung beginnen. Sie sollten Recht behalten. Am Montag wurde das Dach zum ersten Mal für eine Partie geschlossen. Mehr noch, Wimbledon erlebte seine erste Nightsession. Auch wenn diese eigentlich nicht geplant war.

Das Dach sei lediglich dazu da, bei schlechtem Wetter oder einsetzender Dunkelheit Matches beenden zu können, hieß es. Doch am Montagabend sprach die BBC offenbar ein Machtwort, und so blieb das Dach zur Partie zwischen Andrew Murray und Stanislas Wawrinka von Beginn an um 18.42 Uhr geschlossen, obwohl der kurze Schauer längst vorbei war. Es war abzusehen, dass die beiden vor Einbruch der Dämmerung gegen 21.15 Uhr nicht fertig würden. Den TV-Zuschauern sollte das Highlight jedoch zur besten Sendezeit bis zum Ende gezeigt werden.

Und so verfolgten rund zwölf Millionen Briten das dramatische Fünfsatzmatch ihres Lokalhelden, der nach seinem Matchball zum 2:6, 6:3, 6:3, 5:7 und 6:3-Sieg auf die Knie sank. Es war 22.38 Uhr, später wurde noch nie ein Match in Wimbledon beendet. Murray beklagte sich jedoch später über die Hallenatmosphäre: Die Stimmung kochte zwar über, dafür hatte er aber mit der hohen Luftfeuchtigkeit und der grellen Beleuchtung zu kämpfen. „Ich habe so geschwitzt, meine Hände waren so aufgeweicht, dass ich den Schläger kaum halten konnte“, monierte Murray, „und die Bälle flogen so langsam, alles war anders. Das hätte man uns vorher sagen müssen.“ Doch es wird wohl nicht das letzte Mal gewesen sein, dass die Lichter des Centre-Courts die Nacht über Wimbledon erhellen.

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