Sport : Das neue Gesicht

Stefan Hermanns

Auf dem Höhepunkt der allgemeinen Verunsicherung sah sich Dieter Hoeneß zur Intervention genötigt. Es war nach dem Spiel von Hertha BSC gegen KVC Westerlo, der Manager des Berliner Bundesligisten versuchte den drögen Auftritt seines Teams zu analysieren, und irgendwann kam die Sprache auch auf Bart Goor. Der belgische Nationalspieler hatte einen Konter einleiten wollen, dabei war ihm der Ball zwischen beide Füße gerutscht, Goor strauchelte, der Ball war weg. Ein Journalist vernahm Hoeneß anschließend zu dieser Szene. Allerdings erwähnte er Goors Namen nicht, sondern sprach nur von einem "12,5-Millionen-Neueinkauf". Hoeneß packte die Wut.

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Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de Nach den teuren Missverständnissen Alex Alves und Ali Daei wehrt sich Herthas Manager dagegen, Goor zum nächsten kostspieligen Fehleinkauf abstempeln zu lassen. Nur für die beiden Brasilianer Alves und Marcelinho hat Hertha noch mehr Geld ausgegeben. Die Erwartungen sind entsprechend hoch, doch der Ertrag ist gering. "Natürlich ist es einfacher, wenn du 2,5 Millionen gekostet hast", sagt Goor. Andererseits hat er die Höhe der Ablösesumme nicht festgelegt. Das regelt der Markt. Wer einen überdurchschnittlich begabten Spieler heutzutage aus einem laufenden Vertrag auslösen will, hat schnell die Zehn-Millionen-Grenze überschritten. "Das ist so", sagt Goor. "Man darf da nicht so viel dran denken."

Allerdings ist das nicht so einfach, wenn man die Summe nach jedem schlechten Spiel in der Zeitung lesen muss. Dann werden die Millionen zur Last, die doch auch Bestätigung für die eigene Stärke sein könnten. "Eine solche Ablösesumme zeigt, dass es Leute gibt, die dir zutrauen, ein bisschen Fußball spielen zu können", sagt Goor. Zeitweise haben daran jedoch viele gezweifelt.

Inzwischen wird es besser, nicht nur, weil Goor am Samstag beim 3:1 gegen Bremen sein erstes Tor für Hertha erzielt hat. "Das war wichtig für mein Selbstvertrauen", sagt Goor. "Aber auch wichtig für die anderen, für die Fans." Tore sind der augenfälligste Beweis für ansteigende Form, mehr noch als solide Leistungen auf der linken Seite. Schon in Stavanger hat Goor gut gespielt, und in Hamburg beim 0:4 war er nach Sebastian Deisler der beste Herthaner. "Ich glaube auch, dass ich da ein gutes Spiel gemacht habe", sagt Goor. "Aber wenn du 0:4 verlierst, ist das nicht wichtig. Wichtig ist, dass du an dich glaubst." Die Boulevardzeitungen haben ihm - den üblichen Reflexen folgend - wie immer die Note fünf gegeben.

Eine ähnliche Situation hatte er 1997 beim Wechsel zum RSC Anderlecht. "Da habe ich auch nicht so gut angefangen." Später wurde er Nationalspieler. Insofern hat ihn der schwierige Start bei Hertha nicht beunruhigt. "Ein neuer Klub, neue Leute, ein neues System - da ist das normal", sagt Goor. "Das ist nur eine Frage der Gewöhnung. Du musst die anderen Spieler kennen lernen, und die anderen müssen dich kennen lernen."

Auf den ersten Blick nimmt Goor eine ähnliche Position ein wie Michael Hartmann. Der war in der vorigen Saison von der linken Seite der beste Vorbereiter der Liga, brachte Flanke um Flanke in den Strafraum und im Idealfall auf den Kopf von Michael Preetz. Mit Deisler auf der anderen Seite hat Hartmann einen Hertha-Stil geprägt. Goor spielt anders. Er ist kein reiner Vorbereiter, er sucht den Weg zum Tor auch durch den Strafraum, der für Hartmann immer noch in großen Teilen unerforschtes Gebiet ist. Herthas Spiel bekommt so ein anderes Gesicht.

Vielleicht müssen sich die Beobachter daran noch gewöhnen. So wie sie sich daran gewöhnen müssen, dass Goor kein so schlechter Fußballer ist. Sein erstes Tor für Hertha hat er mit seinem schwächeren, dem rechten Fuß erzielt. Mit rechts in die rechte Ecke. Bremens Torwart Frank Rost flog nach links. In der Zeitlupe sah es so aus, als habe Goor den Ball nicht richtig getroffen und Rost nur deswegen zum Sprung in die falsche Richtung verleitet. "Ich wollte diese Ecke nehmen", sagt Goor. Hätte man ihm nicht zugetraut.

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