Sport : Das neue Heimatgefühl

Barrichello fordert Schumacher in Brasilien heraus

Karin Sturm

São Paulo. Rubens Barrichello kommt gern nach Interlagos. Der Brasilianer ist ganz in der Nähe der Rennstrecke von São Paulo aufgewachsen, aber in den vergangenen Jahren mischte sich in die Freude über die Rückkehr auch immer ein wenig Traurigkeit. Das liegt vor allem an den Kollegen im Formel-1-Tross, die vor dem Trip nach Brasilien weniger vom Rennen als von Gewalt, Drogen-Kriminalität und der Armut in den Favelas reden. Das stimmt Barrichello traurig, „wir Brasilianer müssen es endlich schaffen, das Bild des schönen, faszinierenden Brasilien in der Welt zu verbreiten“.

Aber auch der sportliche Teil war für Barrichello zuletzt kein allzu schönes Erlebnis. Seit er für Ferrari fährt, hat er sich den Fans bei seinem Heim-Grand-Prix immer nur als teaminterne Nummer zwei präsentieren dürfen – stets im Schatten des großen Michael Schumacher. Das ist in diesem Jahr anders. Barrichello und Michael Schumacher weisen nach den beiden ersten Rennen jeweils acht Zähler auf, sind also punktgleich. In der ersten Qualifikation in São Paulo fuhr Barrichello auf Platz zwei, Michael Schumacher landete nur auf dem fünften Rang.

Doch nur vordergründig geht es am Sonntag beim Großen Preis von Brasilien um den Status als Nummer eins bei Ferrari. Barrichello will mehr, nämlich um den WM-Titel mitfahren. Dabei glaubt er, auch Michael Schumacher schlagen zu können – wenn das Team ihm freie Fahrt gewährt. „Ich weiß, was ich kann, ich bin in den letzten Jahren ständig besser und auch mental stärker geworden“, sagt Barrichello. „Ich habe vor niemandem Angst – sonst hätte ich mich von Anfang an gar nicht darauf eingelassen, zusammen mit Michael Schumacher zu fahren. Ich will Weltmeister werden.“

Diesem Ehrgeiz hatte Ferrari in der vergangenen Saison die Teamorder entgegengestellt – es zählte allein der WM-Titel für Schumacher, beim Großen Preis von Österreich musste Barrichello noch kurz vor der Ziellinie Platz für seinen deutschen Kollegen machen. In dieser Saison läuft es für Schumacher noch nicht so gut – und das macht Barrichello Mut: „Wenn Michael in den nächsten Rennen keinen deutlichen Punktevorsprung herausfahren kann, wenn ich vielleicht sogar nach ein paar Rennen immer noch vorne liege, dann wäre die Situation ja ganz anders als in den vergangenen Jahren.“

In Brasilien hoffen die Formel-1-Fans auf das Gesetz der Statistik – und damit auf einen Heimsieg von Barrichello: 1973 gewann Emerson Fittipaldi den Großen Preis von Brasilien, 1983 Nelson Piquet, 1993 Ayrton Senna. Alle zehn Jahre ein Brasilianer – damit wäre jetzt Rubens Barrichello dran. Aber der will von Spekulationen und Aberglaube nichts hören. „Schön wäre es – aber ich glaube nicht an solche Zahlenspielereien und Statistiken. In meinen vielen Jahren in der Formel 1 habe ich erst recht gelernt, die Welt mit sehr realistischen Augen zu sehen.“ Ein bisschen träumen mag er dennoch: „Hier zu gewinnen, das wäre dasselbe Gefühl für mich, wie wenn ich die Weltmeisterschaft gewinnen würde.“ Bisher ist es für ihn in Interlagos nicht besonders gut gelaufen. Seit acht Jahren ist Barrichello bei seinem Grand Prix nicht ins Ziel gekommen – „aber das ist auch nur so eine Zahlenspielerei. Ich habe hier oft viel Pech gehabt. Aber das heißt ja nicht, dass es sich wiederholen muss.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben