Sport : Das neue Herz der Spiele

Beim Snowboarden trifft sich die Jugend der Welt und rückt den Sport ins Zentrum von Olympia

Benedikt Voigt[Turin]

Alfons Hörmann dürfte inzwischen jede Serpentine in den Bergen des Piemont kennen. Gestern Vormittag feierte der Präsident des Deutschen Skiverbandes (DSV) mit der Langlaufstaffel in Pragelato die Silbermedaille, dann kurvte er mit dem Dienstwagen nach San Sicario, wo er zweieinhalb Stunden später gerade noch rechtzeitig der Biathletin Kati Wilhelm zur Goldmedaille gratulieren konnte. Allerdings hat Hörmann trotz seiner vielen Reisen noch das Herz der Olympischen Spiele von Turin gesehen. Er war noch nicht in Bardonecchia.

Was die Stimmung auf den Rängen betrifft, schlägt das Herz der Spiele beim Snowboarden in Bardonecchia. Zumal sich die meisten anderen Sportarten in Turin über fehlende Zuschauer und mangelhafte Stimmung beklagen. Michael Uhrmann sagt über das Skispringen: „Hier herrscht teilweise Geisterstimmung.“ Anders beim Snowboarden und Freestyle-Skifahren, die beiden Event-Sportarten sind die Gewinner dieser Spiele. Hier tanzt überwiegend junges Publikum zu lauter Musik, bejubelt spektakuläre Sprünge und schreit bei den Zusammenstößen im Snowboardcross entsetzt auf. „Snowboard ist die hipste Sportart bei den Spielen“, hat Fernsehtalkmaster Harald Schmidt in der Sendung „Waldi und Harry“ festgestellt. „Man hat den Eindruck, man guckt die ganze Zeit MTV.“

Am Freitag sahen 4235 Fans beim Snowboardcross der Frauen eine der dramatischsten Entscheidungen dieser Spiele. Die Amerikanerin Lindsey Jacobellis, die im Finale mit großem Vorsprung führte, ließ sich beim vorletzten Sprung zu einem Kunststück hinreißen, griff sich beim Backside-Air ans Brett – und stürzte rund 30 Meter vor dem Ziel. So konnte die Schweizerin Tanja Frieden auf den letzten Metern vorbeiziehen und Gold gewinnen. Auf den Rängen bejubelten die Zuschauer das dramatische Finale, das unmittelbar vor ihren Augen stattgefunden hatte. Bereits am Vortag hatte der Goldmedaillengewinner Seth Wescott festgestellt: „Snowboard ist das Herz und die Seele der Olympischen Spiele.“

Für die USA stimmt das. Neben dem Eiskunstlaufen hat sich dort das Snowboarden zur Kernsportart des Winters entwickelt. Drei Goldmedaillen der USA haben die Brettakrobaten gewonnen. Die Begeisterung der Amerikaner für diese Sportart ist groß. Nach Salt Lake City spielt diese junge Sportart bereits zum zweiten Mal in Folge eine zentrale Rolle bei den Olympischen Spielen, in Vancouver 2010 dürfte sich daran nichts ändern. Nur in Deutschland scheint man das nicht zu bemerken.

„Hier ist man davon überrascht“, sagt Timm Stade, Sportdirektor des Snowboardverbandes Deutschland, „in Japan, Skandinavien oder USA hat das Snowboarden einen ganz anderen Stellenwert.“ Zwar ist sein Sport in Deutschland im Breitensport längst angekommen, im Spitzensport aber spielt er keine Rolle. Dafür erhalten Sportarten wie Biathlon oder Skispringen Sportförderung, die im Breitensport keine Rolle spielen. „In Deutschland ist die Sportförderung stark auf Erfolge ausgerichtet“, sagt Stade. Seinem Verband fehlen diese noch – und folglich auch finanzielle Mittel. Die Infrastruktur ist verbesserungswürdig, in Deutschland gibt es beispielsweise keine Halfpipe. Stade plädiert dafür, das Snowboarden ernster zu nehmen. „Hier werden 18 Medaillen vergeben, das ist keine kleine Sportart mehr“, sagte er, „diese Medaillen darf man nicht einfach verschenken.“ Setzt der deutsche Sport zu sehr auf Rodeln, Biathlon oder Langlaufen und verpasst eine olympische Entwicklung?

„Dass Snowboard großes Potenzial hat, steht außer Frage“, sagt DSV-Präsident Hörmann, „wir beachten das auch.“ Ein erster wichtiger Schritt sei die Gründung des Snowboardverbandes Deutschland vor drei Jahren gewesen. Als Nächstes müssten die sportlichen Erfolge kommen. „Das ist doch typisch“, sagt Hörmann, „eine Sportart, die Probleme hat, tut sich auch schwerer, Unterstützung zu bekommen.“ So gesehen haben die deutschen Snowboarder in Turin bisher eine große Chance verpasst. Am Mittwoch und Donnerstag im Parallel-Riesensalom haben sie noch zwei letzte Versuche, eine olympische Medaille zu gewinnen. Alfons Hörmann will auch kommen.

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