Sport : Das nimmt dir keiner

Max Raabe mit Odonkor, Jogi Löw mit Otto Sander: Was tief in der Nacht bei der Premierenfeier zu Sönke Wortmanns WM-Film geschah

Moritz Rinke

Der Baum brannte!

Der Baum brannte, das ist zwar ein sehr spezieller Einstieg, aber wenn Jürgen Klinsmann in der Kabine forderte: „Männer, lasst den Baum brennen!“, dann brannte auch etwas an diesem Abend.

Ich ging so ungefähr um halb vier Uhr morgens, da stand neben mir immer noch Schweinsteiger, mit weißem Fred-Astaire-Schal, gnadenlos flankiert von einer imposanten Frau mit komplett freigelegten Brüsten. Den ganzen Abend über versuchte ich herauszukriegen, ob Schweinsteiger die mitgebracht hatte oder ob das ein Groupie war.

Frings schrie noch um so circa halb drei Odonkor an, er solle jetzt mal mitkommen, morgen sei Training, doch Odonkor unterhielt sich mit Max Raabe, keine Ahnung, über was die gesprochen haben, mein Gott, das sah vielleicht aus, Raabe mit Odonkor! Überhaupt war Max Raabe („Mein kleiner grüner Kaktus“) in dieser event-kulturellen Fußballnacht das Symbol für den auf Biegen und Brechen inszenierten Schulterschluss von rotem Teppich und grünem Rasen.

Otto Sander sah ich einmal auf Jogi Löw einreden, entweder Otto Sander hatte einmal eine Rilke-Lesung in Georgien und wollte Jogi Löw schon mal geistig auf den kommenden Gegner am Samstag einstellen, oder er verwechselte Jogi Löw mit Tom Tykwer („Das Parfum“), was ich für wahrscheinlicher halte.

Jens Lehmann lief die ganze Zeit von der Bar zur Adagiobrücke, von wo man auf die Tanzfläche gucken konnte, und suchte anscheinend seine Frau Cornelia, aber jeder zupfte ihm am Ärmel und fragte nach dem Zettel, ist ja klar, welcher Zettel, der Zettel eben, Lehmann schien schon ganz genervt, schließlich hat ja nicht der Zettel die Elfmeter gehalten.

Was diese Profis auch alles aushalten müssen! Und die Rot-Teppich-Menschen denken ja ohnehin, dass man nur auf sie gewartet hat. Da textet ein bekannter Filmkritiker Timo Hildebrand zu über das Wesen des Dokumentarfilms, Peter Lohmeyer erklärt dem DFB-Präsidenten, wie Schalke gegen Nancy im Uefa-Pokal hätte spielen müssen, und ich lade auch noch Metzelder zu meinen „Nibelungen“ ein, nur weil der mal an der Fern-Uni Hagen eingeschrieben war.

Metzelder wirkt aber auch in dem Film wirklich hochsensibel, das muss man sagen. Als ihm in einer Szene Blut abgenommen wird, sitzt er da nicht wie der deutsche Abwehrchef, der die Polen umhauen soll, sondern panisch sieht er der Abnahme von „Kapillarblut“ aus seinem Ohrläppchen entgegen. Neuville wird bei der Urinprobe gezeigt, Metzelder entnimmt man das Kapillarblut, das sind eigentlich auch ganz schöne Details, um von einer Spannbreite der Typen in so einer Mannschaft zu erzählen.

Überhaupt hat der Film von Sönke Wortmann so wunderschöne Szenen und wirkt wie großes Kino mit einer tollen Geschichte und Dramaturgie, was vielleicht auch viele Premierengäste so anregend finden, dass sie danach unbedingt mit den Spielern über ihre Darstellung reden wollen.

Einmal an der Tür zum Spielerséparée höre ich, wie sich eine Gala-Reporterin von hinten an Philipp Lahm heranschmeißt, ihm an der Schulter reißt und „Ich fand dich so toll authentisch!“ schreit. Lahm nickt höflich mit dem Kopf und flüchtet ins Séparée, wo er sich wahrscheinlich dann den Kopf zerbrochen hat: Wenn er Philipp Lahm ist in dem Film, dann muss er seiner persönlichen Meinung nach doch sowieso authentisch sein? Und wenn nicht, woher sollte dann ausgerechnet diese Gala-Glucke wissen, dass er eventuell nicht authentisch war? Sein Tor gegen Costa Rica war auf jeden Fall authentisch, das nimmt dir keiner, wie Klinsmann sagen würde.

Einer meiner Lieblingsszenen war Klose beim Friseur. Also, Friseur kann man gar nicht sagen, Londoner Superstylistin. Sie redet Englisch auf Klose ein, hat keine Ahnung, wer Klose eigentlich ist, sagt aber, er brauche mal so etwas wie eine Frisur, das sei ja grauenhaft usw. Klose rutscht immer tiefer in den Stuhl und sagt am Ende ganz leise, dass ihm vor kurzem noch seine Mutter die Haare geschnitten habe. Das allerdings hat Klose aus der Endfassung rausschneiden lassen, schade, ich finde es hinreißend und einen absoluten Kontrapunkt gegen diesen ganzen aufgestylten „Sommermärchen“-Premieren-Schick.

Diese imposante Frau übrigens mit den bloßen Riesenbrüsten, auf die Schweinsteiger mittlerweile starrte, als wolle er sie volley aus der Luft annehmen oder so rote Fünfecke draufmalen wie bei der Fernsehturmkugel im Sommer – diese Frau war mittlerweile Thema Nummer 1 in der Premierennacht, in der der Baum brannte. Sie war übrigens definitiv nicht mit Schweinsteiger gekommen, sondern heißt Davorka Tovilo, stand gestern in der „Bildzeitung“.

Ich habe die dann auch gleich gegoogelt, die hat einen Internetauftritt, der heißt „I like my two Boobies“, man sieht nur two Boobies aus einem BH fallen und dann wackeln, so was habe ich überhaupt noch nie gesehen, wer hat eigentlich der die Ehrenkarten gegeben?

Großartig war auch Angela Merkel, ich weiß nicht, wie ich jetzt auf die komme. In einer Szene steht sie im Schlosshotel Grunewald wie eine Lehrerin vor den Spielern, die auf Stühlen sitzen. Frings kommt zu spät, entschuldigt sich, und dann meldet sich Lehmann und fragt, was denn für Leute, die im Ausland arbeiten, ein Anreiz wäre, nach Deutschland zurückzukommen. „Das neue Vatergeld und die Kita“ sagt Merkel, das finde ich auch hinreißend, das Vatergeld und die Kita wird es wahrscheinlich sein, das dann irgendwann Lehmann von Arsenal zu Hertha wechseln lässt ...

Und wenn doch die Merkel unserer Koalition so einheizen würde wie Klinsmann den Spielern. Ich finde zwar, dass Klinsmanns vielgelobte Motivationspsychologie in dem Film rüberkommt wie McKinsey für Arme, aber immerhin noch besser als gar nichts.

Ich hatte ja im Vorfeld schon so viel gehört über diese Kabinenreden, dass ich natürlich alles hineinprojizierte: Klinsmann würde so ungefähr von den Spielern einen gesellschaftlichen Aufbruch fordern, Reformen, bis der Baum brennt, Materialisierung durch Visualisierung, ich hatte mir etwas zwischen Hypnose, Bergpredigt und Al Pacino in „An jedem verdammten Sonntag“ vorgestellt.

Am Ende dann konnte es wohl doch nur ein paar Nummern kleiner sein, und das war leider auch nicht so wirklich völkerverständigend. „Das Achtelfinale lassen wir uns nicht nehmen und schon gar nicht von Polen“, „Die stehen mit dem Rücken zur Wand, und durch diese knallen wir sie hindurch“ oder „Die kriegen was auf die Fresse“, ich meine die „Idomeneo“-Oper wird abgesetzt, aber da geht’s um Pappmaché-Köpfe, die Polen aber, die sind echt, hoffentlich sehen die den Film nicht, die haben ja schon gerade genug an Günter Grass zu knapsen.

Jogi Löws taktische Ansprachen zum „vertikalen System“ gefielen mir auf jeden Fall besser, und wenn ich dabei in die Gesichter und verdrehten Augen der Spieler sah, erinnerte ich mich daran, wie Hans Meyer vom 1. FC Nürnberg unserer Schriftstellernationalelf einmal in der Kabine die Raute erklärte. Das waren Momente! Überhaupt die Jugendträume!

Ein paar hartgesottene Feuilletonisten haben diesen schönen Film als zu „oberflächlich“ oder nicht „aussagekräftig“ genug kritisiert, aber das war ja klar. Alles, was viele Menschen mögen, ist für das Feuilleton nicht aussagekräftig genug, trotzdem wird dieser Film die junggebliebenen Herzen erobern und für alle Fußballfans sein wie Harry Potter. Zwischen den 1800 Premierengästen liefen an diesem Abend in den nachgebauten Pappmaché-Kulissen des Schlosshotels Grunewald auch Kinder in deutschen Trikots herum, und in ihren glänzenden Augen, da lag wirklich das allerschönste Märchen.

Als ich dann endlich gehe am frühen Morgen, sehe ich noch „Mein kleiner grüner Kaktus“ im Gespräch mit Franz Beckenbauer, dahinter topfit „I like my two Boobies“. Schweinsteiger hielt sich an einer Pappmachésäule fest.

Moritz Rinke lebt als Schriftsteller in Berlin und spielte als Stürmer für Deutschland bei der Literaten-WM.

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