Sport : Das olympische Gespenst

Klaus Steinbach möchte Präsident des NOK werden – das verschreckt einige altgediente Funktionäre

Robert Ide

Nürnberg. Ein Gespenst fährt durch Deutschland. Es hat graue Augen und große Hände, einen eindringlichen Blick und eine feste Stimme. „Huuuuh“, macht das Gespenst und fuchtelt mit den Händen in der Luft herum. Die Fahrgäste im Zug nach Leipzig schauen herüber, ehrfürchtig und still. Nach einer kurzen Pause fängt Klaus Steinbach an zu lachen. War doch nur ein Spaß.

Es gibt wirklich Menschen, die vor Klaus Steinbach Angst haben. Das mag damit zu tun haben, dass dieser große, drahtige Mensch einstmals als Schwimmer zu olympischem Medaillenruhm gelangte und die deutsche Konkurrenz bis ins hohe Sportleralter beherrschte. Vielleicht liegt es auch daran, dass der 48-Jährige mit fast beängstigender Energie unzählige haupt- und ehrenamtliche Tätigkeiten bewältigt: Steinbach ist Sportfunktionär beim Nationalen Olympischen Komitee (NOK), beim Deutschen Sportbund (DSB), der Stiftung Sporthilfe und der Deutschen Olympischen Gesellschaft, Ärztlicher Direktor einer saarländischen Reha-Klinik und nicht zuletzt Familienvater.

Und nun macht sich dieser Mann auch noch auf, eine der wichtigsten Funktionen des deutschen Sports zu bekleiden. Steinbach kandidiert am Sonntag für den Chefposten beim NOK. Bei der Wahl in Nürnberg hat er nicht mal schlechte Chancen. Das verbreitet Schrecken – nicht nur beim 73 Jahre alten Amtsinhaber Walther Tröger, sondern auch bei den vielen verdienten Sportfunktionären, die sich an das „Weiter so!“ beim Medaillenzählen gewöhnt haben. „Für einige bin ich ein Angstgespenst“, sagt Steinbach. Diesmal lacht er nicht. Er weiß, dass ihm die Furcht vor Veränderung entscheidende Stimmen kosten könnte.

Zum ersten Mal in der Geschichte des NOK gibt es ein Duell um das Präsidentenamt. In den vergangenen Jahrzehnten hatten sich die Gremien stets im Voraus auf einen Kandidaten festgelegt – die NOK-Hauptversammlung nickte die Entscheidung dann formell ab. Das Wort Wahlkampf war den hohen Herren des Sports bislang fremd. Auch jetzt hoffen sie noch auf eine einvernehmliche Lösung: Weil Steinbach als Favorit gilt, gibt es inzwischen Überlegungen, Tröger zu einem „ehrenhaften Verzicht“ zu überreden.

Ob das nach diesem beinharten Wahlkampf noch möglich ist, scheint fraglich. Das Fairplay gilt nicht mehr. „Ausufernde Gereiztheit“ und Miesmachertum warf der offizielle NOK-Report dem NOK-Funktionär Steinbach vor. Der konterte mit dem öffentlichen Hinweis auf seine „biologischen Vorteile“ gegenüber Tröger. Als beide Bewerber im September ihre Pläne vor den Fachverbänden darlegen wollten, hielt Tröger ein zweistündiges Referat und ließ seinen Gegenkandidaten vor der Tür warten. Als der schließlich dran war, hatten die Funktionäre nur noch eine halbe Stunde Zeit. Ein verstecktes Foul.

Klaus Steinbach lächelt solche Dinge weg. Er erzählt Anekdoten, gestikuliert mit dem ganzen Körper, lockt andere Menschen mit seinem Charme. Je länger er redet, desto mehr vermittelt er den Eindruck: Ich kriege das schon hin. Kein Wunder, dass er seine Stärke gleich zum Wahlprogramm erhoben hat: „Ich will die Sprachlosigkeit im NOK überwinden.“ Doch was soll das heißen? Steinbach macht eine Pause. Dann spricht er leise davon, dass einige Dinge im NOK „suboptimal“ laufen. Die Zusammenarbeit mit dem DSB funktioniere nicht. Die Kommunikation mit der Regierung liege brach. Das Sponsoring der Wirtschaft sei nicht gerade ausufernd. „Warum gibt die Deutsche Post Millionensummen für Formel-1-Autos aus, die in der dritten Runde stehen bleiben?“, fragt Steinbach. „Warum sind die nicht Sponsor der Olympiamannschaft?“ Ja, warum eigentlich? „Weil die Kommunikation suboptimal ist.“ Einfache Frage, einfache Antwort.

Im NOK aber gibt es viele, die sagen, so einfach seien die Dinge nun auch wieder nicht. Selbst Athletensprecher werfen Steinbach fehlende Substanz vor, sie fragen, was denn eigentlich sein Plan sei. „Soll ich das Rad etwa neu erfinden?“, fragt Steinbach dann zurück. „Das Rad ist schon erfunden.“ Seine Ziele sind überschaubar, auch wenn sie Tröger als eine Ungeheuerlichkeit erscheinen mögen: Steinbach will die Rivalität mit DSB-Chef Manfred von Richthofen begraben, die seit der gescheiterten Fusion im Jahre 1996 besteht. Er will das NOK vom olympischen Reisebüro zum Dienstleistungsunternehmen umbauen, mit einem einheitlichen Auftritt gegenüber Politik, Medien und Wirtschaft – und zum Nutzen der Athleten. Natürlich sei das alles nicht der Knaller, gibt Steinbach zu. Aber: „Wo ist denn das Wahlprogramm von Walther Tröger? Kein Wahlprogramm ist erst recht kein Knaller.“

Jacques Rogge, der neue Chef des Internationalen Olympischen Komitees, hat auf die Frage, wer von beiden Kandidaten ihm lieber sei, geantwortet: „Da möchte ich den Joker setzen.“ Steinbach betrachtet diese Aussage als Kompliment. „Das ist nicht gerade ein Lob für den amtierenden Präsidenten.“ Auch wenn Steinbach es nicht zugeben mag, Rogge ist sein Vorbild. „Es gibt viele Parallelen zwischen uns“, sagt er. Rogge ist ebenfalls Orthopäde und war wie Steinbach Sportler bei den Olympischen Spielen 1972. Heute marschieren sie nicht mehr gemeinsam durchs Stadion, sondern parallel durch die Institutionen. Dabei haben sie nicht den Anspruch, alles anders zu machen.

Wenigstens den alten Stil des Weiterwurstelns wollen sie aus den Sportverbänden vertreiben. „Was wäre denn, wenn ich meine Reha-Klinik jahrelang keiner Überprüfung unterzogen hätte?“, fragt Steinbach. „Da würden unsere Patienten immer noch den ganzen Tag faulenzen.“ Die Passivkuren seien längst nicht mehr modern. Heute müssen die Rentner in den Kraftraum, Gewichte stemmen. „Medizinisch geleitetes Trainingslager“, nennt Steinbach das. Das klingt ganz nach dem NOK, das er sich für die Zukunft vorstellt – mit ihm als Trainingsleiter. Kein Wunder, dass es einige Sportfunktionäre mit der Angst zu tun bekommen.

Der Zug kommt in Leipzig an, Klaus Steinbach nimmt seinen Koffer und seine Anzüge. Bis Samstag will er sich einen Überblick über Leipzigs Bewerbung für Olympia 2012 verschaffen. Danach fährt er nach Nürnberg, zur wichtigsten Wahl seines Lebens. Angespanntheit und Stress sind ihm nicht anzusehen, seine Gesichtszüge verharren in Ruhe, sein Scheitel ist sauber gekämmt. „Wissen Sie“, sagt er zum Abschied, „das ist alles eine Frage des Managements.“ Am Montagmorgen nach der Wahl muss er wieder in der Klinik im Saarland sein. Um acht Uhr ist Visite.

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