Sport : Das Pech des einen ist immer das Glück des anderen

Tim Wiese hatte zwei Kreuzbandrisse – wegen der Verletzung des Bremer Torwarts Reinke hält er jetzt in der Champions League

Steffen Hudemann[Bremen]

Tim Wiese hatte keine Möglichkeit, die Verletzung seines Kollegen zu verdrängen. In der 82. Minute des Spiels beim VfB Stuttgart war der Torwart von Werder Bremen zum Einsatz gekommen. Es stand 0:0, Wiese musste sich warm machen, sich auf das Geschehen konzentrieren. Andreas Reinke, die Nummer eins im Tor, war zu diesem Zeitpunkt mit mehreren Frakturen im Gesicht auf dem Weg ins Krankenhaus. Wie schlimm es den Kollegen beim Zusammenprall mit Stuttgarts Stranzl erwischt hatte, begriff Wiese erst, als er die riesige Blutlache mitten im Strafraum sah. Für die restlichen zehn Spielminuten mahnte sie ihn an das Risiko, mit dem sein Sport verbunden ist.

Wenn der 24-Jährige von seinem Debüt für Bremen erzählt, betont er zunächst, wie schwer diese Situation für ihn war, und dass Fußball manchmal ein brutaler Sport sei. Er möchte nicht falsch verstanden werden mit der Aussage, dass er sich freut, wieder im Tor zu stehen – in der Bundesliga und heute Abend gegen Juventus Turin (20.45/live bei Premiere) zum ersten Mal auch in der Champions League. „Aber darauf habe ich ja die ganze Zeit hingearbeitet“, sagt Wiese.

Wenn jemand ohne schlechtes Gewissen von der Verletzung eines Kollegen profitieren darf, dann Wiese. Im November 2004 – damals spielte er noch für Kaiserslautern – riss zum ersten Mal sein Kreuzband. Acht Monate später, kurz nach dem Wechsel nach Bremen, folgte der zweite Kreuzbandriss, wieder im linken Knie. Vor 20 Jahren wäre die Fußballkarriere beendet gewesen. Die Operationsmethoden haben sich inzwischen verbessert. Doch der medizinische Fortschritt ist eine Sache, die Psychologie eine andere.

Wie kann jemand, der zwei so schwere Verletzungen hinter sich hat, der 15 Monate kein Pflichtspiel bestritten hat, sich sofort mutig in die Bälle werfen? Beim 1:0 am Samstag in Dortmund musste Wiese einige Male waghalsig für die Bremer Defensive retten. Wenn man nicht so viel Mitleid mit Reinke hätte, könnte man behaupten, dass Werder durch dessen Verletzung keinen Torhüter verloren, sondern einen gewonnen hat.

Andreas Reinke hatte am vorigen Freitag das Krankenhaus in Stuttgart verlassen und sich seitdem in seiner Heimat Mecklenburg-Vorpommern erholt. Jetzt ist er wieder in Bremen.

Vielleicht ist es Tim Wieses großer Vorteil, dass er kein grüblerischer Typ ist. Man glaubt es ihm sofort, wenn er sagt, dass er im Spiel nicht an das Knie denkt, ganz einfach. Psychologisch betreuen lassen hat er sich nicht. Vor jedem Training geht er für eine Viertelstunde in den Kraftraum und trainiert die Beinmuskulatur. Das gibt ihm ein besseres Gefühl auf dem Platz. „Ich weiß, dass das Knie jetzt viel stärker ist als nach dem ersten Kreuzbandriss.“ Geholfen hat dem Torhüter die Nähe zur Mannschaft. Nach der Verletzung in Kaiserslautern hatte er die Rehabilitation noch allein in Köln absolviert. In Bremen zog er sich jeden Morgen gemeinsam mit den neuen Kollegen um. Sie gingen auf den Platz, Tim Wiese ins vereinseigene Reha-Zentrum. Schon am dritten Tag nach dem Eingriff begann er mit der Krankengymnastik, nach etwa drei Monaten traute er sich zum ersten Mal wieder vorsichtig auf den Rasen.

Seit der Winterpause häufen sich die Torhüter-Verletzungen in der Bundesliga: Reinke, zuvor Wache bei Mainz sowie Herthas Fiedler. Und am Wochenende Wessels in Köln und Kahn beim FC Bayern. Doch der Anschein, dass die Männer im Tor Verletzungen gegenüber besonders anfällig sind, wird von der Statistik nicht gestützt. Eine Studie einer deutschen Rückversicherung ergab vor drei Jahren, dass das Risiko, mit einer schweren Verletzung auszufallen, bei Fußball-Torhütern um 60 Prozent geringer ist als bei Feldspielern. „Eigentlich“, sagt auch Tim Wiese, „bekommen Torhüter nämlich gar keine Kreuzbandrisse.“ Und eigentlich verlaufen Torhüterkarrieren auch anders als die von Tim Wiese.

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