Sport : Das perfekte System

Dirk Lange soll Südafrika bis Olympia 2008 zur Schwimm-Weltmacht aufbauen

Andreas Morbach

Montreal - Eine Farm in Afrika hat Dirk Lange nicht, und nahe der Ngong-Berge in Kenia lebt er auch nicht. Eines aber hat der Schwimmtrainer aus Hamburg mit der Schriftstellerin Karen Blixen gemein: Lange empfindet Afrika als Sinnbild der Freiheit. Blixen dokumentierte ihre Eindrücke in ihrem Buch „Die afrikanische Farm“. Das Werk diente als Vorlage für den Film „Jenseits von Afrika“. Lange empfindet diese Freiheit, seit er Cheftrainer der südafrikanischen Schwimmer ist. Seit vier Monaten also. Die Weltmeisterschaften in Montreal sind seine große Bühne. Hier präsentiert er sich erstmals quasi weltweit in seiner neuen Rolle. In seiner alten Rolle hatte er in Hamburg jahrelang Sandra Völker zu Weltrekorden und Weltmeistertiteln geführt. Jetzt feiert er als neuer Chefcoach den Weltrekord von Roland Schoeman über 50 Meter Schmetterling. Der Südafrikaner holte sich in 22,96 Sekunden den Titel.

Der 42 Jahre alte Lange sitzt morgens um neun im Schwimmstadion von Montreal, er schiebt seine schnittige Sonnenbrille auf die Stirn und sagt: „Ich wollte schon die südafrikanischen Vorteile ausnutzen. Denn Platz ist dort kein Problem.“ Lange arbeitet im High Performance Center von Pretoria. Dort sind die Trainingsbedingungen optimal, es gibt starke interne Konkurrenz, weil dort Weltklasseathleten durchs Wasser pflügen.

Probleme hatte Lange eher in Deutschland, das ist auch der Grund, weshalb er mit Gattin Ivana und den Söhnen Alexander und William nach Südafrika wechselte, „in ein recht großes Haus, mit recht großem Schwimmbad, Whirlpool und so“. In Hamburg betreute er zuletzt ein paar deutsche Spitzenschwimmer, aber dann wurde sein Vertrag aus verschiedenen Gründen nicht verlängert, obwohl einige seiner Athleten seine Weiterverpflichtung gefordert hatten. Lange war verärgert, aber er hatte auch schon Kontakte nach Südafrika. Er kannte viele Verantwortliche, Wettkämpfe sind ja auch eine Informationsbörse. Und der südafrikanische Verband holte den Deutschen, weil der dem Schwimmen in Südafrika eine breitere Basis geben sollte. Die Talentsichtung ist eher unterentwickelt.

Aber Lange ist kein Heilsbringer, er soll eher das System perfektionieren. Stars hatten die Südafrikaner schon vor Langes Dienstantritt. Die 4x100-MeterFreistil-Staffel besiegte bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen die USA in Weltrekordzeit. Eine Überraschung, aber keine Sensation. Die Südafrikaner, darunter Schoeman, trainierten in den USA. Dort wird, mitunter mit allen Mitteln, professionell gearbeitet. Aber nach den Spielen von Athen kamen ein paar der Weltklasseleute zurück nach Südafrika, und mit ihnen arbeitet Lange jetzt in Pretoria. Der Hamburger ist eine der zentralen Figuren einer großen Strategie. „Südafrika ist ein junges Land, das sich über den Sport darstellen möchte“, sagt Lange. Und die Wassersportler gehören zu den wichtigsten Protagonisten dieses Masterplans. „Südafrika wird im Schwimmen bald das darstellen, was die USA und Australien im Moment sind“, sagt Lange. Als er das etwas pathetisch verkündet, schlendert Verbandschef Jace Naidoo vorbei. Er erwähnt einen weiteren Aspekt. „Wir wollen mit unseren Plänen auch Schwarze in den Pool bekommen. Das ist bisher ein großes Problem, Schwimmen gilt bei uns noch immer als Sportart der Weißen.“

Langes Erfolg hängt aber auch davon ab, wie die Südafrikaner mit seiner Art und seinen Methoden klarkommen. Der 42-Jährige geht gerne von der üblichen Trainingslehre weg, arbeitete früher mit seinen Athleten viel mehr an Land als andere Betreuer, und zumindest in Deutschland hatte er den Ruf, überaus arrogant zu sein. Er sieht sich durchaus als einen der besten Trainer der Welt. Eine Einschätzung, die in Deutschland bei einigen seiner Kollegen Heiterkeit hervorrief. Denn außer Sandra Völkers Erfolgen hatte er dauerhaft wenig zu bieten.

Dirk Lange ist jetzt zwar südafrikanischer Trainer, das hindert ihn aber in Montreal nicht daran, die Arbeit des deutschen Verbands zu kommentieren. Für den schwimmt nämlich Marco di Carli, den Lange in Hamburg betreute und den er jetzt per E-Mail aus der Ferne coacht. In ein paar Wochen geht di Carli ganz nach Südafrika, zu seinem Coach Lange. In Montreal schied di Carli über 100 Meter Rücken schon im Vorlauf aus, für Lange ein klarer Fall von Frustration. Der 20-Jährige habe sich von der gedrückten Stimmung im deutschen Team „anstecken lassen“. In Südafrika aber werde vieles wohl besser. „Dort fördern wir das Individuum viel stärker als in Deutschland“, sagt Lange. Und wenn di Carli erst mal in Pretoria arbeitet, dann wird offenbar vieles besser: „Bis Peking kann ich ihn dort zu mehr als nur zu einem Medaillenkandidaten machen.“

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