Sport : Das Phänomen

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Wo ist Ronaldo? Über eine Viertelstunde läuft das WM-Finale zwischen Deutschland und Brasilien schon, und vom Star der Südamerikaner ist nichts zu sehen. Dabei sollte er doch der entscheidende Spieler dieses Endspiels sein. Man fühlt sich bereits an das Finale vor vier Jahren gegen Frankreich erinnert. Damals ging der Brasilianer, genannt „das Phänomen“, angeschlagen in das Spiel gegen Frankreich. Ronaldo spielte furchtbar, Brasilien verlor, und das war nur der Anfang seines fast drei Jahre dauernden, von Verletzungen geprägten Leidenswegs.

Doch dann - in der 19. Minute - ist Ronaldo da. Urplötzlich steht er, wunderschön angespielt von Ronaldinho, frei vor Oliver Kahn. Mit dem linken Außenrist schiebt er den Ball Richtung Tor. Vorbei! Vielleicht hätte er es wie im Halbfinale gegen die Türkei mit der Picke probieren sollen. Nur zehn Minuten später steht Ronaldo Oliver Kahn erneut gegenüber. Diesmal geht der Ball aufs Tor, doch der deutsche Torwart entscheidet das erste direkte Aufeinandertreffen für sich und hält. Auch gegen die deutschen Feldspieler verliert Ronaldo fast jeden Zweikampf, vor allem gegen den starken Dietmar Hamann. In der Nachspielzeit der ersten Halbzeit ist es jedoch wieder soweit: Ronaldo nimmt einen verunglückten Schuss von Roberto Carlos an, dreht sich und schießt sofort. Oliver Kahn kann nur noch mit seinem rechten Bein herauszucken, aber es reicht. Wieder gehalten. Zwischenstand nach 45 Minuten: Kahn - Ronaldo 2:0.

Die zweite Hälfte beginnt wie die erste, Ronaldo lässt sich kaum blicken. Nach einer Stunde bietet sich Brasilien eine gute Freistoßchance, und nicht Rivaldo, Roberto Carlos oder Ronaldinho schießen, sondern Ronaldo. Aber der Schuss ist schwach, und als eine Minute später sogar Marco Bode einen Zweikampf gegen den Stürmer gewinnt, scheint Ronaldos Auswechslung nur noch eine Frage der Zeit. Die Geschichte scheint sich zu wiederholen.

Doch noch steht Ronaldo auf dem Feld, und nur kurze Zeit später gewinnt er seinen ersten Zweikampf gegen Hamann, spielt ab zu Rivaldo. Der schießt, Kahn macht seinen ersten Fehler im Turnier, hält den Ball nicht fest, Ronaldo ist da und trifft zum ersten Tor der Brasilianer in einem WM-Finale seit Carlos Albertos 4:1 gegen Italien 1970. Als Rivaldo in der 79. Minute einen Pass von Kleberson durchlässt, steht Ronaldo nicht nur wieder frei vor Kahn, er steht an der Schwelle zur Unsterblichkeit. Mit einem flachen Schuss ins rechte Toreck überschreitet er sie: Es ist der Treffer, der die Penta, den fünften Titel für Brasilien, besiegelt. Und es ist sein achtes Tor bei dieser WM, so viel wie kein anderer mehr in einem Turnier geschafft hat, seit Gerd Müller vor 32 Jahren zehnmal traf. „Ich habe zweieinhalb Jahre lang damit verbracht, nach meiner Verletzung wieder gesund zu werden“, sagt Ronaldo nach dem Spiel, „und heute hat Gott mich und meine Mannschaft belohnt.“

Mit insgesamt zwölf WM-Toren zog Ronaldo mit dem legendären Pelé gleich. „Und er wird noch besser werden, man hat gesehen, dass er noch vorsichtig ist“, sagt Pelé. Nur noch zwei Tore fehlen Ronaldo zum ewigen WM-Rekord von Gerd Müller. Die wird er wohl beim nächsten Turnier in Deutschland schießen. Immerhin ist Ronaldo erst 25 Jahre alt. Christian Hönicke

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