Sport : Das Potenzial aufgebraucht

Deutschlands Leichtathleten schneiden bei der WM in Paris so schlecht ab wie noch nie

Jörg Wenig

Paris. Der erste Versuch war zwar nicht Gold wert, brachte aber immerhin noch Bronze. Speerwerfer Boris Henry aus Saarbrücken warf am Schlusstag der 9. Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Paris gleich im ersten Versuch 84,74 m und holte damit die letzte Medaille für die deutschen Athleten. Acht Jahre nach seiner Bronzemedaille bei der WM 1995 in Göteburg wiederholte der 29-Jährige damit den größten Erfolg seiner Karriere. Gold holte der Russe Sergej Makarow mit 85,44 m.

Im Medaillenspiegel belegt das deutsche Team mit einer Silber- und drei Bronzemedaillen nur Rang 28. Ein ziemlicher Absturz. Bei den letzten fünf Weltmeisterschaften seit der Wiedervereinigung haben deutsche Teams in der Medaillenwertung nie schlechter als Platz sechs abgeschnitten. Zum ersten Mal gab es für eine gesamtdeutsche Mannschaft keine Goldmedaille. Deutlich wurde in Paris, dass das Hochleistungs-Potenzial der früheren DDR, von dem deutsche Teams jahrelang profitierten, aufgebraucht ist. In der Punktwertung, in der in jeder Disziplin die Plätze eins bis acht gewertet werden, belegte das DLV-Team in Paris Rang fünf. Auch das ist die schwächste Platzierung einer deutschen Mannschaft seit der Wiedervereinigung.

Dreimal standen deutsche Athleten im Stade de France vor Boris Henry auf dem Siegespodest: die Stabhochspringerin Annika Becker (Erfurt) als Zweite sowie der für den SC Potsdam startende 50-km-Geher Andreas Erm und die Speerwerferin Steffi Nerius (Leverkusen). Doch es ist wohl Boris Henry, dem die außerordentlichste Leistunggelang. Die Affäre um seine suspendierte Freundin Kelli White im Kopf ging er an den Start und schaffte es trotzdem, gegen hochkarätige Konkurrenz eine Medaille zu gewinnen. Die Wettkampfhärte, die er im Laufe der Saison bei vielen internationalen Starts gewann, wird ihm geholfen haben bei diesem Erfolg.

„Ich habe gemischte Gefühle nach diesem Wettkampf. Einerseits bin ich zufrieden, andererseits auch nicht, denn ich wollte weiter werfen. 88 Meter waren mein Ziel. Ich habe keinen einzigen meiner Würfe optimal getroffen“, erklärte Boris Henry. „Es war sehr schwierig, mich heute auf den Wettkampf zu konzentrieren angesichts dessen, was mit meiner Freundin Kelli passiert ist“, fügte Henry hinzu. Ohne dieses Problem wäre für ihn wohl mehr möglich gewesen. Zum Gold fehlten nur 70 Zentimeter.

Für die Höhepunkte des WM-Schlusstages sorgten Afrikaner. Kein Gold hatten Kenias Läufer zuvor gewonnen, zum Finale siegten sie gleich zweimal: Catherine Ndereba gewann den Marathon in 2:23:55 und Eliud Kipchoge das 5000-m-Rennen. Nach einem denkwürdigen Sprintduell gegen den 1500-m-Goldmedaillengewinner Hicham El Guerrouj (Marokko) und den äthiopischen 10 000-m-Sieger Kenenisa Bekele siegte Kipchoge in 12:52,79 Minuten. Den Hochsprung gewann die Südafrikanerin Hestrie Cloete mit 2,06 m. Gemeinsam mit der Schwedin Kajsa Bergqvist, die gestern mit 2,00 m Dritte wurde, ist sie damit die viertbeste Springerin aller Zeiten.

Die WM bestätigte den Trend der Titelkämpfe von Edmonton 2001. Viele Entscheidungen sind offener geworden, viele kleinere Nationen holen deutlich auf. Nicht nur die deutschen Athleten blieben in Paris ohne Goldmedaillen, auch den Briten gelang kein Sieg. Dafür gewannen Ecuador, Katar und die karibische Inselgruppe St. Kitts und Nevis zum ersten Mal bei einer WM. Die 46 Goldmedaillen verteilten sich auf 23 Nationen. Der deutsche Vizepräsident des Internationalen Leichtathletik-Verbandes (IAAF), Helmut Digel, prognostiziert: „Angesichts der wachsenden Konkurrenz wird es für traditionelle Leichtathletik-Nationen künftig kaum möglich sein, mehr als fünf oder sechs Medaillen zu gewinnen.“

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