Sport : Das Prinzip Dunga

Stefan Hermanns über den gar nicht überraschenden Erfolg der Brasilianer

Stefan Hermanns

Der Fußball besitzt einen Hang zur Legendenbildung, und eine dieser Legenden lautet, dass die Sportart ihren Reiz aus einer gewissen Unvorhersehbarkeit beziehe. Man muss dieser Legende, wie allen Legenden, nicht allzu viel Glauben schenken. Nehmen wir das Finale der Copa America, dessen Ausgang schon im Voraus so gut wie feststand. Die Argentinier mögen bis zum Endspiel den besten Eindruck hinterlassen, die beeindruckenderen Spieler und auch den erfahreneren Trainer gehabt haben – wer sich aber ein wenig in der Fußballgeschichte auskennt, hätte wissen müssen, dass Brasilien triumphieren würde. Der Grund heißt Carlos Dunga.

Die Copa 2007 ist nichts anderes gewesen als ein Remake des spröden Klassikers WM 1994 – mit Dunga als entscheidender Konstante. Als Brasilien 1994, nach 24 Jahren, endlich wieder Weltmeister wurde, lag das vor allem an Dunga, dem Kapitän der damaligen Mannschaft. Wie kein anderer prägte er das Spiel der Brasilianer, den neuen nüchternen, fast europäischen Stil der Seleçao, der in Brasilien vor allem als Verrat an der nationalen Identität empfunden wurde.

Bei der Copa 07 war es nicht anders. „Wir wollen Respekt“, sangen die Spieler, nachdem sie den vermeintlichen Favoriten Argentinien im Endspiel 3:0 besiegt hatten. Ihre Auftritte waren zuvor mit ähnlich viel Häme begleitet worden wie 1994. Aber die Dungaisierung des brasilianischen Fußballs hat dem Land einen weiteren Titel und vor allem einen weiteren Triumph über den Erzrivalen Argentinien beschert. Nur das zählt am Ende.

Carlos Dunga hat sich als Trainer eine Mannschaft nach seinem Abbild geschaffen: kein Kunstwerk, sondern eine funktionierende Maschine. Für viele Brasilianer, vor allem aber für die Fußballromantiker weltweit wird Dunga daher immer eine Reizfigur bleiben. Dabei hat er dem brasilianischen Fußball weit mehr gegeben als nur einen Titel: Carlos Dunga hat ihm die Würde zurückgebracht, die eine würdelose Zirkustruppe bei der WM vor einem Jahr leichtfertig verspielt hat.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben