Sport : Das Prinzip Odonkor

Bundestrainer Joachim Löw setzt die Nominierungspraxis seines Vorgängers Jürgen Klinsmann fort

Stefan Hermanns

Berlin - Jan Schlaudraff macht als künftiger Nationalspieler einen sehr gelassenen Eindruck, so viel ist schon mal festzustellen. Selbstverständlich ist das nicht, weil Schlaudraff in zwei Wochen eine Entwicklung genommen hat, für die andere Fußballer Monate oder Jahre brauchen. Noch vor zwei Wochen gab es Zweifel, ob Schlaudraff überhaupt bundesligatauglich sei. Peter Pander, Manager von Borussia Mönchengladbach, hatte im „Kicker“ über den Stürmer von Alemannia Aachen gesagt: „Man muss abwarten, ob er sich jetzt als Bundesligaspieler etabliert.“ Zwei Tage später schoss Schlaudraff zwei Tore – gegen Borussia Mönchengladbach: den Verein, der ihn wegen mangelnder Perspektive für angeblich nur 70 000 Euro nach Aachen hatte gehen lassen.

Es ist schwer zu sagen, ob Schlaudraffs Gewöhnungsprozess an die Bundesliga bereits als abgeschlossen gelten kann; trotzdem ist der 23-Jährige gerade von höchster Stelle für nationalmannschaftstauglich befunden worden. Bundestrainer Joachim Löw hat Schlaudraff für die Länderspiele gegen Georgien (Samstag, 20 Uhr) und in der Slowakei (Mittwoch, 20.45 Uhr) nominiert. Neben ihm stehen vier weitere Spieler in Löws Aufgebot, die noch kein Länderspiel bestritten haben: Robert Enke, Alexander Madlung und die – wie Schlaudraff erstmals berufenen – Clemens Fritz (Werder Bremen) und Piotr Trochowski (Hamburger SV).

Von Enke einmal abgesehen ist unter den Neulingen kein Spieler, den die Öffentlichkeit mit aller Macht in die Nationalelf gesungen hätte. „Wir müssen nicht darüber reden, dass eine Nominierung zum jetzigen Zeitpunkt zu früh kommt“, sagt sogar Schlaudraffs Vereinstrainer Michael Frontzeck. Die Spieler werden zu Nationalspielern, bevor sie es eigentlich sind, die Berufung ist nicht das Ende einer Entwicklung, sondern ihr Anfang. „Sie sollen in die Aufgabe, bei der Elite von Deutschland zu sein, langsam reinwachsen“, sagt Löw. Learning by doing, könnte man das nennen – oder: das Prinzip Odonkor. David Odonkor war die größte Überraschung, die Jürgen Klinsmann in seiner an Überraschungen nicht armen Amtszeit gelungen ist. Obwohl sein Name nie im Zusammenhang mit der Nationalmannschaft gefallen war, wurde Odonkor von Klinsmann für den WM-Kader berufen.

Löw setzt nun die Nominierungspraxis seines Vorgängers fort, wenn auch in Nuancen verändert: Während Klinsmann vor allem Spieler aus der englischen Premier League berufen hat, die in Deutschland weitgehend unbekannt waren, beruft Löw jetzt Spieler aus der Bundesliga, die in Deutschland weitgehend unbekannt sind. „Joachim Löw ist mutig und geht neue Wege“, sagt Oliver Bierhoff, der Manager der Nationalmannschaft. Der Bundestrainer steht gerade vor seinem vierten Länderspiel und hat bereits sieben Neulinge nominiert; bei Klinsmann, stets einer allzu ausschweifenden Experimentierlust verdächtigt, waren es in zwei Jahren läppische zwölf. „Wir haben da schon eine Linie“, sagt Bierhoff. „Es gibt einen gewissen Kreis, der sich bei der WM herausgebildet hat. Wer noch nicht dazugehört, muss etwas Besonderes leisten, um hineinzukommen.“

Jan Schlaudraff führt immerhin die Torschützenliste der Bundesliga an, Clemens Fritz hat in Bremen den früheren Nationalspieler Patrick Owomoyela aus der Stammelf verdrängt, bei anderen aber sind die besonderen Leistungen nur schwer zu erkennen. Malik Fathi, erster Debütant unter Löw, hat am Wochenende bei Hertha BSC 90 Minuten lang auf der Ersatzbank gesessen, Piotr Trochowski ist in den elf Pflichtspielen des HSV neunmal ein- oder ausgewechselt worden.

„Man muss auch sehen, dass die Auswahl an deutschen Spielern nicht so groß ist“, sagt Bierhoff, der schon einmal von seinen frustrierenden Erlebnissen auf den Tribünen der Bundesligastadien berichtet hat: „Bei einigen Spielen ertappe ich mich bei dem Gedanken: Wieso schaue ich mir das eigentlich an?“ – wenn doch kaum ein Deutscher auf dem Platz steht. Klinsmann hat häufig erwähnt, dass er seinen Kader aus gerade 60 Spielern auswählen könne, die das passende Alter haben, die richtige Nationalität besitzen und über ausreichende Qualität verfügen.

Die exzessive Nominierungspraxis seines Nachfolgers kann man auch als Signal an die Bundesliga verstehen: Seht her, es gibt auch deutsche Spieler, die es zu fördern lohnt. In vielen Fällen, bei Bastian Schweinsteiger etwa, Christoph Metzelder oder Gerald Asamoah, hat die Nationalmannschaft diesen Part übernommen, der eigentlich Sache der Vereine gewesen wäre. Im Gegenzug sind die Spieler ihrer Verpflichtung nachgekommen, mehr zu tun als der bloße Rest. Clemens Fritz weiß, was künftig von ihm erwartet wird: „Es ist wichtig, in der Bundesliga seine Leistung zu bringen und sich Woche für Woche neu anzubieten.“ Als Nationalspieler mehr denn je.

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