Sport : Das Prinzip Ruhe zerstört sich selbst

Der einstige Chaosklub Frankfurt ist längst seriös, doch nun trudelt die Eintracht mit Trainer Skibbe tatenlos dem Abstieg entgegen

Dominik Bardow
Foto: dapd
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Es brauchte wohl etwas Einmaliges, um diese unheimliche Serie von über 13 Stunden ohne Tor zu beenden. Und so war es Eintracht Frankfurts Linksverteidiger Georgios Tzavellas, der tief in der eigenen Hälfte zu etwas Außergewöhnlichem ansetzte. Eigentlich war es nur einer seiner berüchtigten lange Bälle, die der Grieche gerne auf Landsmann Theofanis Gekas schlägt, die aber meist im Nichts landen. Diesmal landete der Ball über Gekas und Torwart Manuel Neuer hinweg im Schalker Tor – nach 73 Metern Flugbahn, ein neuer Bundesligarekord. 1986 hatte Klaus Allofs mal aus 70 Metern für Köln getroffen. Das zwischenzeitliche 1:1 war das erste Frankfurter Tor im Jahr 2011, nach 792 Minuten ohne Treffer. Sonst blieb das Außergewöhnliche aus. Frankfurts 1:2 bei Schalke nach schwacher Vorstellung war die siebte Niederlage im neunten Spiel, damit bleibt die sieglose Eintracht schlechtestes Team der Rückrunde.

Und auch auf der Trainerbank fiel das Einmalige aus. „Der Trainer genießt unser Vertrauen. Ich traue Michael Skibbe zu, dass er mit der Mannschaft noch die Kurve kriegt“, sagte Vorstandschef Heribert Bruchhagen in gewohnt ruhigem Duktus. Nach einer Woche, in der drei Branchenführer der Liga die Trennung von ihren Übungsleitern beschlossen haben, hält Bruchhagen Skibbe weiter die Treue. Der 62-Jährige hält nichts von Trainerentlassungen. Nur einmal, betont er stets, habe er einen Trainer vorzeitig hinausgeworfen, als Manager bei Arminia Bielefeld 2000 Hermann Gerland, und das sei ein Fehler gewesen. Wie schon bei Skibbes Vorgänger Friedhelm Funkel sitzt Bruchhagen alle Kritik aus und gibt dem Trainer schier endloses Vertrauen.

Es ist diese Ruhe, nach der sich Eintracht Frankfurt jahrelang gesehnt hatte, als schon mal ein Präsident Verbindungen ins Rotlichtmilieu hatte oder die Spiellizenz an einem Anrufbeantworter hing. Seit Anfang 2003 hat Bruchhagen dies geändert. Nach dem Abstieg führte der bestens vernetzte Fußballfachmann die verschuldete Eintracht wieder zu soliden Finanzen und in die Erste Liga. Dabei schuf sich Bruchhagen eine Machtfülle, wie sie selbst Felix Magath bei Schalke nicht hat. Bruchhagen ist Vorstandschef, Manager und Scouting-Abteilung in einem. Es ist nun so ruhig in Frankfurt, weil ihm keiner widerspricht.

Daher kann Bruchhagen ungestört auf das Prinzip Ruhe bauen und darauf, dass die Eintracht noch neun Punkte holt und die Klasse hält. Aber wo sollen die herkommen? Nach der besten Hinrunde seit 17 Jahren gibt die Eintracht in der Rückrunde ein erschreckendes Bild ab. Aber Trainer Skibbe ist unwillens, an Training oder System etwas zu ändern. Was vor wenigen Monaten noch gut war, könne jetzt nicht schlecht sein, wiederholt er ständig. Das sieht Bruchhagen ähnlich und holt keinen Trainer von außen, der noch etwas ändern könnte. Und so könnte es das Prinzip Ruhe sein, das Bruchhagens Lebenswerk in Frankfurt mit einem Abstieg zerstört.

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