Sport : Das Rätsel des Winters

Der Deutsche Skiverband muss ohne Sven Hannawald auskommen – nur sein Manager hofft noch auf ihn

Benedikt Voigt

Berlin – Am Freitagabend wollte Manager Werner Heinz mit Sven Hannawald telefonieren und sich nach dessen Befinden erkundigen. Er hat es dann doch nicht getan, „ich hatte zu viel zu tun“. Am nächsten Morgen konnte er den Skispringer nicht erreichen, weshalb er glaubt: „Der Sven ist beim Training.“ Genau weiß er es aber nicht, er nimmt es nur an. Das letzte Mal hat er vor neun Tagen mit dem Skispringer gesprochen.

Der Zustand von Sven Hannawald ist weiterhin ein großes Rätsel. Der 30-Jährige musste sich Ende April in einer Klinik wegen eines Burn-Out-Syndroms behandeln lassen, aus der er im Juli entlassen wurde. Nun wohnt Hannawald in Hinterzarten und trainiert leicht. Einen ernsthafteren Trainingsversuch musste er vor einigen Wochen vorzeitig abbrechen. „Weil er sich dabei nicht wohl gefühlt hat“, sagt Heinz. Längst sieht es so aus, als würde der Deutsche Skiverband (DSV) in der kommenden Saison ohne seinen größten Star auskommen müssen. Vertreter des Verbandes bezeichnen es bereits als illusorisch, dass Hannawald in der Saison 2004/2005 einen offiziellen Wettbewerb bestreiten wird. Sogar das Karriereende erscheint möglich.

Allerdings wehrt sich Manager Werner Heinz dagegen, dass ein Start seines Springers in diesem Winter nicht möglich ist, wie es der entlassene Bundestrainer Wolfgang Steiert bestätigt hatte. „Der Steiert redet viel Zeug“, sagt Heinz, „deshalb ist er auch nicht mehr dabei.“ Wird Hannawald also springen? „Ich weiß es nicht“, sagt der Manager.

Eine Saison ohne Hannawald bedeutet nicht nur für die Skispringer, deren Saison Ende November in Kuusamo beginnt, dass sie ohne ihren prominentesten Athleten auskommen müssen. Dem gesamten Skiverband fehlt der wichtigste Werbeträger. „Er ist ein Weltstar“, sagt DSV-Generalsekretär Thomas Pfüller. Da sich auch Martin Schmitt seit zwei Jahren in einer Leistungskrise befindet, muss sich der Verband seine Prominenten in dieser Saison in anderen Disziplinen suchen: Maria Riesch (Ski Alpin), Evi Sachenbacher (Langlauf) oder der Gesamtweltcupsieger Rene Sommerfeldt (Langlauf) bieten sich neuerdings dafür an. Im Skispringen jedoch sind keine neuen Stars in Sicht. Die Bekanntheit von Michael Uhrmann und Georg Späth hält sich trotz der ersten Weltcuperfolge in der vergangenen Saison in Grenzen. An die Popularität eines Sportlers des Jahres in Deutschland und eines Vierschanzentourneesiegers reichen sie nicht heran.

Das Skispringen ist jene Disziplin, die dem Verband bis Dezember 2007 einen außerordentlich guten Fernsehvertrag von 77 Millionen Euro mit dem Fernsehsender RTL beschert hat. Der Vertrag ermöglicht es dem Verband von den Fördermitteln des Deutschen Sportbundes unabhängig zu sein. Nun muss sich der DSV bereits Gedanken machen, wie es in der Zeit nach 2007 weitergehen soll.

Dann dürfte Sven Hannawald tatsächlich nicht mehr dabei sein. Noch hoffen die Verantwortlichen im Deutschen Skiverband, dass er im übernächsten Winter auf die Schanzen steigen wird, wenn die Olympischen Spiele 2006 als Höhepunkt anstehen. „Wir stehen bereit, wenn er uns signalisiert, dass er wieder springen möchte“, sagt Thomas Pfüller. Doch von sportlichen Zielen ist Sven Hannawald noch weit entfernt. „Er muss erst einmal ganz gesund sein“, sagt Manager Heinz.

Der Gang in die Klinik bildete den Abschluss einer traurigen Saison von Sven Hannawald. Bereits im Februar beendete er seine Saison, ging in den Urlaub, doch auch das änderte nichts an seiner schlechten psychischen Verfassung. Im Nachhinein lesen sich seine Interviews vor Saisonbeginn so, als ob das Burn-out-Syndrom ihn bereits damals erfasst hat. „Im Vergleich zum letzten Jahr konnte ich diesmal mehr trainieren“, sagte Hannawald. „Das ist auch der Grund dafür, warum ich jetzt so durchhänge.“

Wie ging es Hannawald, als Werner Heinz ihn das letzte Mal vor neun Tagen traf? „Ganz normal“, sagt der Manager, „es wäre auch schlimm, wenn sich nach dem Klinikbesuch nichts gebessert hätte.“ An seinem neuen Status hat sich jedoch nichts geändert: Sven Hannawald bleibt ein Rätsel.

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