Sport : Das Recht auf Pannen

Werder gönnt sich den Luxus eines Torwarts, den viele für den schlechtesten der Liga halten

Olaf Dorow

Bremen. Jakub Wierzchowski ist der Ersatztorwart des SV Werder Bremen. Seit eineinhalb Jahren im Verein, hat er es auf null Bundesliga-Minuten gebracht. In die Herzen der Bremer Fans fand der ruhige Mann mit Kosenamen Kuba dennoch Einlass. Die Kundschaft verlangt nach Kuba. Sie wollen ihn, sie fordern ihn, sie malen seinen Namen auf Plakate. Wobei nur wenige einschätzen können, wie gut Kuba im Ernstfall halten würde. Eigentlich gar keiner. Das spielt aber keine Rolle. Kuba hat das alles Pascal Borel zu verdanken.

Borel. Es ist das Reizwort im eher beschaulichen Bremen. Er hält einfach schlecht. Zuletzt so schlecht, dass die Leute schlicht das Alter (23) und die Unerfahrenheit (bis Sommer dritte Liga) vergessen. Das Publikum in Bremen ist selbst durch einen Blick auf die Tabelle kaum zu besänftigen. Dort steht der Klub auf Rang drei, was mit Torwart-Vorgänger Frank Rost nur in seltenen Fällen gelang.

Mit Rost wären wir Tabellenführer, sagen die Leute. Doch Rost ist nicht mehr da. Ein paar Monate lang hatte sich der Verein im vergangenen Frühjahr um einen Nachfolger bemüht. Vergeblich. Nun rächt es sich ein wenig, dass im Sommer Pascal Borel das Vertrauen erhielt. Mit „knappem Vorsprung vor Kuba“, wie Thomas Schaaf damals mitteilte.

Nach 19 Pflichtspielen hat dieses Vertrauen zu 25 Gegentoren in der Bundesliga sowie zum vermeidbaren Ausscheiden aus dem Uefa-Cup geführt. Immer mittendrin bei der Analyse entscheidender Fehler: Pascal Borel. In dem Bemühen, das zarte Pflänzchen im Tor nicht kaputtzutrampeln, stellt sich als letzter Ausweg ein alter Rehhagel-Reflex ein: Die Medien sind schuld.

„Ihr habt Pascal hochgejazzt, jetzt verdonnert ihr ihn“, sagt Schaaf. Damit konnte unter den örtlichen Journalisten kaum jemand etwas anfangen. Bremen gilt als Bundesliga- Standort der Republik, an dem es noch ruhig und gesittet zugeht und Krawall-Schlagzeilen eher die Ausnahme sind. Als unter der Woche sich die Bild-Zeitung auf die ran-Datenbank berief, wonach Borel „der schlechteste Keeper der Bundesliga sei“, wurde die gesamte Presse ob ihres „unfairen Umgangs“ an den Pranger gestellt. Auch das eine in Bremen bekannte Rehhagel-Methode.

Plötzlich gewinnt die Presse eine Wirkung, die sonst immer negiert wird. Motto: Die schreiben von Pannen-Pascal, und daraufhin unterlaufen Pascal Pannen. Und daraufhin pfeifen die Leute.

Ursache und Wirkung geraten ein wenig durcheinander. „Wir werden uns darüber Gedanken machen, wie wir unseren Torwart gegen unberechtigte Angriffe schützen“, sagt Klaus Allofs mit staatstragender Miene. Für den Sportdirektor ist es sogar „eine bundesweite Fehlinterpretation“, dass landauf, landab angenommen wird: Werder ist überall spitzenmäßig besetzt, nur im Tor nicht.

Das war vor Borel anders, bisweilen gar umgekehrt. Vielleicht liegt hier das eigentliche Problem. Die grün-weiße Kundschaft ist Burdenski, Reck und Rost gewohnt und kann sich nur schwer damit anfreunden, dass der sich immer nett und kumpelig gebende Borel noch etwas Zeit braucht, um auch so gut zu werden. Vielleicht und irgendwann einmal.

Er würde den Torwart erst dann tauschen, sagt Trainer Thomas Schaaf, wenn er Anzeichen von Selbstzweifeln sähe. Nach dem äußerst glücklichen 5:3 gegen Kaiserslautern sagte Borel: „Ich denke, ich werde auch am Samstag in Berlin im Tor stehen. Ich werde mir treu bleiben.“

Er sagt solche Sätze so oft, dass sie angesichts der auf dem Platz zu beobachtenden Unsicherheit etwas zu oft vorkommen. Er habe gut geschlafen in der Nacht nach den drei Gegentoren, ließ Borel wissen. Geredet hat er aber nur mit seinem Vater, der einst auch Torwart war. Mit den Fans wollte er eigentlich auch noch reden. „Ich habe keine Probleme mit ihnen.“ Doch Werder Bremen riet Pascal Borel davon ab.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben