Sport : Das Rennen der Rennen

Die Geschichte des 100-Meter-Sprints ist voller Legenden – bei der WM soll heute eine neue dazukommen

Jörg Wenig

Paris. Wer ist der schnellste Mensch der Welt? Diese Frage fasziniert seit mehr als 100 Jahren. Wenn heute Abend um 22.10 Uhr das 100-m-Finale der Männer bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften von Paris gestartet wird, zieht dieser Sprint für rund 10 Sekunden eine weltweite Aufmerksamkeit auf sich wie kaum eine andere Sportentscheidung. Die Leichtathletik ist das Herz der Olympischen Spiele – und drei Disziplinen ragen innerhalb dieser Sportart heraus: Die Zehnkämpfer gelten als Könige der Athleten, der Marathonlauf ist der Klassiker und die 100 Meter ermitteln den schnellsten Menschen der Welt. Es geht heute Abend also um mehr als eine Goldmedaille und die Siegprämie von 60 000 Dollar – es geht um viel Prestige.

Der erste Mann, der in den internationalen Listen als schnellster Mensch der Welt geführt wurde, war George Eastham. Der Engländer, der den Spitznamen „Der Fliegende Klapperlatschen“ erhielt, rannte 1845 in Manchester eine Strecke von 220 Yards – das sind 201,17 Meter – in 22,5 Sekunden. Über kürzere Distanzen gibt es zehn Jahre später einen ersten Eintrag in den Rekordlisten. Der Brite Thomas Bury gewann 1855 ein Rennen in Cambridge über 100 Yards (91,44 Meter) in 10,0 Sekunden. „Es herrschte große Begeisterung bei dem letzten Rennen, das Bury mit etwa einem halben Kopf Vorsprung vor Henry Vernon gewann“, heißt es in dem Buch „IAAF World Records“.

Aus Zeiten, als die einzelnen Laufbahnen noch mit Bändern voneinander getrennt wurden, stammt die erste Bestzeit über die 100-m-Strecke. Cecil Lee (Großbritannien) wurde 1892 in Brüssel mit 10,8 Sekunden gestoppt. Die Startlöcher buddelten sich die Sprinter vor dem Rennen noch selber in die Aschenbahn. Aus solchen Löchern rannte auch der erste Weltstar des Sprints: Jesse Owens, der bei Olympia 1936 in Berlin neben den 100 Metern noch drei weitere Goldmedaillen gewann. Die Erfolge des US-Amerikaners Jesse Owens waren über Generationen hinweg eine Motivation für die besten amerikanischen Sprinter. Noch heute gilt er als Vorbild, obwohl ihm ein anderer knapp 50 Jahre später seinen olympischen Vierfach-Triumph nachmachte: Carl Lewis war die schillerndste Figur in der Geschichte des 100-m-Sprints. Er revolutionierte die öffentliche Darstellung – Lewis kleidete sich ungewöhnlich, Lewis klopfte große Sprüche, Lewis kassierte eine Menge Startgeld. Sprinter präsentierten sich fortan immer stärker als verrückte Typen. Ohne diese Eigenschaft, so sagen viele, könnten Sprinter nicht erfolgreich sein. Das sei schon immer so gewesen, auch zu Zeiten, als Armin Hary 1960 als bis heute einziger Deutscher Olympiasieger über 100 Meter wurde.

Nicht wenige Insider behaupten auch, Zeiten unter 10 Sekunden seien ohne Dopingmittel nicht zu laufen. Es ist 15 Jahre her, als ein Sprinter für den bis heute spektakulärsten Dopingfall in der olympischen Geschichte sorgte: Ben Johnson gewann 1988 in Seoul die 100 Meter in der damals unglaublichen Weltrekordzeit von 9,79 Sekunden. Doch dann fiel der Kanadier durch den Dopingtest, und Carl Lewis wurde zum Sieger erklärt. Trotz dieses Skandals haben die 100 m aber nicht an Attraktivität eingebüßt.

Duelle wie im Zirkus

14 Jahre nach Ben Johnson wurde die Zeit des Kanadiers unterboten. Den Weltrekord hält seit dem 14. September 2002 Tim Montgomery (USA) mit 9,78 Sekunden. Er ist damit der schnellste Mensch aller Zeiten. Es klingt kurios, aber dennoch ist ein ganz anderer die 100 Meter so schnell gelaufen wie keiner bisher: Michael Johnson. Der 200-m-Weltrekord des US-Amerikaners steht nämlich bei 19,32 Sekunden. Das heißt, im Durchschnitt lief er beide 100-m-Hälften in 9,66. Dabei wird er in der zweiten Hälfte noch mindestens eine gute Zehntelsekunde schneller gewesen sein. Die Startphase bis zum Erreichen der Höchstgeschwindigkeit macht den Unterschied. Es ist aber auch errechnet worden, dass die besten 100-m-Sprinter eine höhere Geschwindigkeit erreichten als Michael Johnson.

1997 traf man sich zum Showdown in der Mitte der Distanz: Über 150 Meter trat Michael Johnson in Toronto gegen den damaligen 100-m-Weltrekordler Donovan Bailey an. Es ging um viele hunderttausend Dollar. Doch das Duell platzte mitten im Rennen, weil sich Johnson verletzte. Auch wenn sich derartige, an einen Zirkus erinnernden Zweikämpfe nicht durchsetzten, ist es eine finanziell äußerst lukrative Angelegenheit, der schnellste Mensch der Welt zu sein. Startgelder für ein einziges Rennen können hohe fünfstellige Dollar-Beträge erreichen, Gelder von Sponsoren kommen hinzu.

Ein 100-m-Erfolg kann auch eine starke Wirkung auf die Entwicklung der Leichtathletik im Land des Siegers haben. Der britische 100-m-Olympiasieger Linford Christie hat sicher einen Anteil daran, dass die Briten heute noch auf dieser Strecke Weltklasse sind. Mit seinen Erfolgen hat er den Nachwuchs inspiriert. Als Christie 1992 in Barcelona gewann, war Dwain Chambers gerade 14 Jahre alt und Mark Lewis Francis erst 10. Heute Abend zählen sie zu den Favoriten.

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