Sport : Das Rennen geht weiter

Sebastian Vettel gewinnt in Brasilien und wahrt vor dem Saisonfinale am Sonntag seine Chance auf den Formel-1-Titel

Karin Sturm[Sao Paulo]

Es schmeckte ein wenig nach Karneval in Sao Paulo. Die enge Boxengasse der Strecke von Interlagos war erfüllt von buntem Konfetti und Samba-Musik. Ganz oben auf dem Podest stand Sebastian Vettel und wog seine Hüften leicht im Takt. Der Red-Bull-Pilot hatte gerade den Großen Preis von Brasilien gewonnen und sich damit die Chance auf den Titel in der Formel-1-WM erhalten. „Das war ein hervorragender Tag für uns“, sagte der Heppenheimer nach seinem perfekten Rennen strahlend. „Ich bin überglücklich. Heute Abend wird sicher noch die eine oder andere Flasche geköpft.“

Neben dem Deutschen stand sein Teamkollege Mark Webber, der vor dem Ferrari-Piloten Fernando Alonso Zweiter geworden war. Der Australier schaute eher säuerlich, obwohl er seinen Rückstand in der WM auf Alonso vor dem letzten Saisonrennen auf acht Punkte verkürzte. Doch er hatte sich wohl erhofft, dass die Teamführung von Red Bull ihm per Stallorder den Sieg zusprechen würde, damit er mit nur noch einem Punkt hinter Alonso zum Finale am Sonntag nach Abu Dhabi reisen kann. Nun, die Order blieb aus. „Sebastian ist ein gutes Rennen gefahren und hat deshalb verdient gewonnen“, sagte Webber tonlos. „Ich hatte im zweiten Teil des Rennens Probleme mit der Motortemperatur und musste zurückschalten. Danach habe ich mich darauf konzentriert, Fernando hinter mir zu halten.“

Vettel konnte das erst einmal egal sein. Er strahlte über seinen erneuten Triumph, den vierten in dieser Saison. Gleich am Start hatte er Nico Hülkenberg abgehängt, der sich am Samstag im Nassen völlig überraschend die Poleposition gesichert hatte, am Sonntag aber keine Chance hatte und Achter wurde. „Das war der Schlüssel zum Erfolg“, sagte Vettel über seinen Start. „Danach konnte ich den Abstand kontrollieren, und das Auto fühlte sich toll an.“

Durch den Doppelsieg holte Red Bull immerhin schon einmal den Titel in der Konstrukteurs-Wertung. In der Fahrer-WM dagegen ist noch nicht entschieden, wer den endgültig entthronten Weltmeister Jenson Button beerben wird. Alonso führt nun mit 246 Punkten, Webber folgt ihm mit 238, dahinter folgt Vettel mit 231. „Die Chance ist noch da“, sagte Vettel. „Ich muss 16 Punkte mehr holen als Alonso, aber das ist nicht unmöglich – 26 wären unmöglich.“ Und dann machte er einen Scherz, der wohl einen wahren Kern beinhaltete: „Ich wünsche Fernando nichts Schlimmes, aber ein wenig weißer Rauch im Ferrari beim Finale wäre gut.“

In Brasilien jedenfalls ließ Alonso sein Wagen nicht im Stich. Der Spanier, der nur von Startplatz fünf ins Rennen gegangen war, fuhr eher defensiv auf den dritten Rang und war damit durchaus zufrieden. „Ich habe nur drei Punkte auf Webber verloren“, erklärte er lächelnd, „das ist ein gutes Ergebnis für uns, was die WM betrifft.“ Und dann fing er selbst zu rechnen an: „Ich denke, Sebastian ist mathematisch Weltmeister, wenn er in Abu Dhabi gewinnt und ich nur Fünfter werde.“ Das war korrekt, doch der Frage, ob er nicht Red Bull dankbar sein müsse, weil man dort im Gegensatz zu Ferrari auf eine Teamorder verzichte, wich er aus: „Die Situation dort wird immer mit Ferrari verglichen, aber eigentlich ist das bei denen ganz anders, denn dort können schließlich wirklich beide Weltmeister werden.“

Red Bulls Motorsport-Koordinator Helmut Marko verteidigte in Brasilien weiter standhaft die Strategie seines Hauses. Auch im Namen seines Chefs Dietrich Mateschitz, den er gerade per Telefon in Salzburg erreicht hatte. „Er hat sich riesig über den Konstrukteurs-Titel gefreut und hat gesagt, das ist die Erfüllung eines jahrelangen Traumes“, sagte Marko. „Und jetzt hoffen wir, dass wir in Abu Dhabi noch einen draufsetzen und auch die Fahrer-WM gewinnen können.“ Es sei aber einfach mit der Red-Bull-Philosophie nicht vereinbar, wenn man von außen in die Rangfolge eingegriffen hätte: „Wir haben von Saisonbeginn an gesagt, die beiden sollen das auf der Strecke ausfahren. Dabei bleiben wir.“ Das wiederum verblüffte so manchen im Fahrerlager.

Jetzt bleibt nur die Frage: Was passiert, wenn am Sonntag in Abu Dhabi eine Runde vor Schluss das Szenario genau so aussieht wie in Brasilien? Wenn Vettel in Führung liegt, Webber Zweiter ist und Alonso Dritter? In dieser Konstellation wäre der Spanier Weltmeister. Würde Vettel seinem Teamkollegen aber den Sieg überlassen, würde Webber den Titel holen. Das war auch das Gesprächsthema, als Vettel mit seinem Physiotherapeut Tommi Pärmäkoski mit der Siegerchampagnerflasche in der einen und dem Siegerhelm in der anderen Hand gemeinsame zum Hubschrauber sprintete. „Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht“, hörte man Pärmäkoski sagen. „Das wäre dann wirklich alles andere als einfach.“ Aber bis dahin ist ja auch fast noch eine Woche Zeit.

Mitarbeit: Christian Hönicke

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