Sport : Das Revival der Fünfziger

Nizza träumt unter Trainer Gernot Rohr von den alten Zeiten

Renaud Lavergne

Nizza. Die Geschichte vom Aufstieg des OGC Nizza ist in erster Linie die Geschichte seines Trainers. Eines Trainers, der eigentlich fast nie als Trainer gearbeitet hat, aber trotzdem fast immer Erfolge gefeiert hat. Es ist die Geschichte des gebürtigen Mannheimers Gernot Rohr. Und es ist die unglaubliche Geschichte von einem Aufsteiger in die erste französische Fußballliga, der nach zehn Spieltagen auf dem zweiten Tabellenplatz steht – vor dem Champions-League-Teilnehmer Lens und vor Meister Lyon.

Dabei ist es gerade drei Monate her, dass der von Schulden geplagte Klub (4,2 Millionen Euro) von der französischen Fußball-Gendarmerie zum Zwangsabstieg in die Dritte Liga verdammt worden war – und das, obwohl sich die Mannschaft sportlich für die Erstklassigkeit qualifiziert hatte. Nie zuvor hatte der Traditionsverein OGC Nizza eine ähnliche Erniedrigung erfahren.

Angefangen hat die finanzielle Krise mit dem Verkauf des Vereins durch Francesco Sensi. Der Präsident des AS Rom hatte den OGCN (Olympique Gymnaste Club de Nice) 1998 erworben und ihn an zwielichtige Investoren weiterverkauft. Deren Kassen waren weit weniger gut gefüllt als die Vorstrafenregister ihrer Eltern, bekannter Ganoven aus Nizza und Marseille. Als der Verein bereits dem Untergang geweiht war, versuchten die neuen Herren einige Spieler sogar mit Erpressung daran zu hindern, den OGC zu verlassen. „Der Verein lag in Schutt und Asche“, sagt Gernot Rohr. Inzwischen aber ist die Stimmung wieder euphorisch, vor allem, weil die Mannschaft bis zum achten Spieltag sogar Tabellenführer war.

Multi-Kulti-Stadt am Mittelmeer

Mit den aktuellen Erfolgen lassen die Rot-Schwarzen die Fünfzigerjahre wieder aufleben, in denen die Mannschaft, finanziert von einigen kleineren lokalen Unternehmen, Titel um Titel zusammenklaubte. Die Mannschaft war in ihrer besten Zeit ein Spiegelbild der Multi-Kulti-Stadt am Mittelmeer. Beim OGC spielten die Nachfahren italienischer und armenischer Einwanderer zusammen mit Maghrebinern, alteingesessenen Nicoisern und einigen Südamerikanern. Der Aufstieg zu alter Größe wurde erst durch den Einstieg seriöser Investoren möglich, die der Liga ein schlüssiges Finanzkonzept vorlegten. Die Spieler verzichteten auf ihre Aufstiegsprämie, drei Nachwuchsleute wurden verkauft, Nizzas Bürgermeister stellte eine Million Euro zur Verfügung, und den Rest, rund zwei Millionen Euro, steuerte ein privater Gönner bei. Der Zwangsabstieg wurde daraufhin widerrufen – zwei Wochen, bevor die Meisterschaft losging, und ohne den italienischen Aufstiegstrainer Sandro Salvioni, der im allgemeinen Chaos die Flucht in seine Heimat ergriffen hatte.

„Das Vakuum musste ich dann füllen“, sagt Gernot Rohr, dem beim Trainingsauftakt im Sommer nur 16 Profis zur Verfügung standen. Der 49-Jährige war bis dahin bei OGC für die Nachwuchsarbeit verantwortlich. Als Trainer arbeitete er erstmals 1996 bei Girondins de Bordeaux, dem Verein, für den Rohr zwölf Jahre lang (1977 – 89) als linker Verteidiger gespielt hatte. Als er prompt das Uefa-Cup-Endspiel gegen Bayern München erreichte, hatte Rohr die Zusage der Vereinsführung, als Chefcoach weitermachen zu dürfen, „aber der Präsident hat sein Wort gebrochen", sagt er. Nach einer eher glücklosen Zeit als Manager bei Eintracht Frankfurt und der frühen Entlassung als Trainer beim Zweitligisten Créteil landete Rohr im vorigen Sommer in Nizza.

Rohr förderte bereits Lizarazu

Die Nachwuchsarbeit ist immer das große Thema des Gernot Rohr gewesen. In Bordeaux hat er unter anderem die beiden späteren Weltmeister Bixente Lizarazu und Christophe Dugarry entscheidend gefördert. Auch Zinedine Zidane spielte unter Rohr bei Girondins. Von den guten Kontakten und seinem ausgezeichneten Gedächtnis profitiert jetzt auch der OGC Nizza. Vor der Saison tauschte der Verein 90 Prozent seines Personals aus, ohne für die Zugänge einen einzigen Euro auszugeben. Rohr holte zehn neue Spieler, sieben auf Leihbasis, drei ablösefrei. Den Stürmer Kaba Diawara lotste er von RC Ferrol aus der zweiten spanischen Liga an die französische Riviera. Für den 26-Jährigen, mit dem Rohr schon in Bordeaux zusammengearbeitet hatte, ist Nizza die zehnte Station seiner Karriere. Es scheint, als habe Diawara sein Ziel erreicht. In den ersten zehn Spielen hat er sechs Tore erzielt. Auch der Brasilianer Everson spielte einst unter Rohr in Bordeaux, war zuletzt Spielmacher beim VfL Osnabrück in der Regionalliga und ist jetzt bei Nizza im defensiven Mittelfeld die Entdeckung der noch jungen Saison. „Er ist einer der Top-Spieler in Frankreich", sagt Rohr.

Der Trainer wider Willen hat ein Team geformt, „das sich nicht für etwas hält, was es nicht ist“, wie Mittelfeldspieler Eric Roy sagt. Lediglich die Fans träumen schon. Zum ersten Training der Saison kamen 5000 Zuschauer. So etwas lässt auch einen alten Profi wie Gernot Rohr nicht unberührt: „Ich erinnere mich nicht daran, als Trainer jemals so glücklich gewesen zu sein."

Übersetzung: Stefan Hermanns

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