Sport : „Das Risiko fliegt immer mit“

Eishockeyprofi Nick Angell hat vergangene Saison in Russland gespielt – nach seinen Erfahrungen überrascht ihn das Unglück von Jaroslawl nicht

In Trümmern. Vergangene Woche stürzte die Maschine von Lokomotive Jaroslawl ab. Unter den 44 Toten war der deutsche Eishockey-Nationalspieler Robert Dietrich. Foto: dpa
In Trümmern. Vergangene Woche stürzte die Maschine von Lokomotive Jaroslawl ab. Unter den 44 Toten war der deutsche...Foto: dpa

Herr Angell, das Flugzeugunglück von Jaroslawl ist erst wenige Tage her. Trotzdem wird in der russischen Eishockeyliga seit Montag wieder gespielt. Sie haben vergangene Saison Ihr Geld in Russland verdient, was geht Ihnen durch den Kopf?

Es ist hart. Zwei Freunde von mir waren an Bord, ich habe mit beiden in Schweden zusammengespielt. Das waren großartige Jungs, Familienväter mit kleinen Kindern, die mir nahe standen. Aber auch sie hätten gewollt, dass es weitergeht. Solche furchtbaren Dinge passieren. Wir trauern jetzt, aber das Leben muss weitergehen.

Sie haben beim sibirischen Klub Nowokusnezk gespielt, hatten Sie da Angst, ins Flugzeug zu steigen?

Bei meinem ersten russischen Verein sind wir mit einer uralten Tupolew-Maschine geflogen – die Jak, die bei Jaroslawl abgestürzt ist, war sogar noch viel jünger. Das war das Nachfolgemodell unseres Flugzeuges. Als wir zu einem Auswärtsspiel nach Riga fliegen wollten, durften wir dort aus Sicherheitsgründen mit unserer Tupolew nicht landen. Wir mussten deswegen über Moskau anreisen. Man kann das ja nur schwer beurteilen: Unser Flugzeug sah innen ganz nett aus, wie ein Business-Jet, aber was mit den Triebwerken los ist, kann ich natürlich nicht wissen, schließlich bin ich kein Ingenieur.

Ist denn mal etwas Außergewöhnliches passiert?

Einmal, als wir von Sibirien aus zu einem Auswärtsspiel fliegen sollten, wurde uns gesagt, wir sollten an Bord gehen, obwohl das Flugzeug noch enteist würde. Und da gab es keine modernen Maschinen, da stand einfach nur ein Mann mit einem Besen, der den Schnee von den Tragflächen gefegt hat. Das war die Enteisung. Man spürt immer, dass ein gewisses Risiko da ist, glaubt aber nicht, dass tatsächlich mal etwas passiert.

Warum geht denn ein Eishockeyprofi aus den USA überhaupt nach Russland?

Der Hauptgrund für alle ausländischen Spieler ist natürlich das Geld. Aber ich habe neun Monate lang in Sibirien gelebt und dabei eine Menge über mich selbst gelernt. Zum Beispiel, dass Geld wichtig ist, aber eben nicht alles. Ich möchte auch ein Familienleben haben. Meine Freundin kam mich dort besuchen, und nach einem Tag wollte sie nur noch nach Hause. Es ist ein hartes Leben in Russland, besonders in Sibirien.

Von Profifußballern weiß man, dass sie in Russland ein privilegiertes Leben führen. Wie ist das bei Eishockeyspielern?

Der Durchschnittsrusse verdient 500 Dollar im Monat. Im Vergleich dazu bekommen wir Spieler außerordentlich viel Geld. Alle Spieler haben im selben Gebäude gewohnt, wir bekamen Autos mit Fahrern und eigene Sicherheitsleute. In den Nächten vor den Heimspielen wurden wir zusammen in einem Komplex untergebracht, der wie eine Militärkaserne aussah. Dieser sowjetische Stil ist in Russland noch allgegenwärtig. Der große Bruder schaut dir ständig über die Schulter.

Wie macht das der große Bruder?

Ein Beispiel: Wenn ich hier in Deutschland trainiere, sagt mir der Trainer, dass ich 20 Liegestütze machen soll – und die mache ich dann auch selbständig, weil ich ein Profi bin. In Russland stellt sich der Krafttrainer neben mich und zählt die einzelnen Liegestütze mit, um sicher zu gehen, dass ich sie auch wirklich mache. Es wird alles stärker überwacht. Das ist einfach das russische System. Der Verein sorgt dafür, dass die Spieler vor dem Spiel ordentlich schlafen, pünktlich aufwachen und nicht von ihrer Familie abgelenkt werden. Man muss das einfach akzeptieren und daraus lernen. Wenn Dinge im Ausland nicht so laufen wie zu Hause, bedeutet es aber nicht unbedingt, dass sie falsch sind – nur anders.

Glauben Sie, dass sich im russischen Eishockey etwas ändert, weil jetzt so viele Ausländer in der Liga spielen? In Team von Lokomotive Jaroslawl waren es elf.

Es haben zuletzt immer mehr Ausländer in Russland gespielt, aber nachdem dieses Unglück passiert ist, muss man sehen, wer dort überhaupt noch hingehen will. Die Spieler haben schon bisher untereinander über die Sicherheitsbedenken, vor allem die alten Flugzeuge, gesprochen, aber jetzt werden viele noch einmal ernsthaft über die Situation nachdenken.

Sie sind vergangenes Jahr von Nowokusnezk nach Omsk gewechselt. Warum?

Nowokusnezk war ausgeschieden und hat mich nach Omsk verkauft. Die brauchten noch einen Verteidiger für die Play-offs. Nowokusnezk hat mir trotzdem einen neuen Vertrag für die kommende Saison angeboten. Das war schon merkwürdig.

Können Sie sich vorstellen, noch einmal in Russland zu spielen?

Das müsste schon eine ganz besondere Situation sein. Ich habe mich nach dem, was ich in Russland erlebt habe, bewusst dafür entschieden, nach Berlin zu den Eisbären zu gehen. Ich war mit Manager Peter John Lee seit Jahren in Kontakt, es ging nur darum, den richtigen Zeitpunkt zu finden. Ich hatte ja die Möglichkeit, wieder nach Russland zu gehen, aber es war mir jetzt wichtiger, mit Familie und Freunden zusammen zu sein. In Berlin zu leben ist eben ganz anders als in Sibirien. Aber meine Zeit in Russland war eine großartige Erfahrung, ich habe viel gesehen und gelernt. Es war hart, hat mich aber zu einem besseren Menschen gemacht.

Das Gespräch führte Jan Schröder.

Nick Angell, 31, hat vergangene Saison für Nowokusnezk und Omsk in der russischen Profiliga KHL verteidigt. Kommende Saison spielt der US-Amerikaner für die Eisbären Berlin.

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