Sport : Das Risiko schwingt mit

Nächste Woche kommen Spitzenturner zur EM nach Berlin. Auch Marcel Nguyen will dabei sein. Doch er hatte sich das Wadenbein gebrochen – nun bangt er um den Traum von der Medaille

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Marcel Nguyen versuchte noch sich zu halten. Vergeblich. Er hatte sich mit einem doppelten Tsukahara durch die Luft gewirbelt, aber nach der Landung übertrat er mit einem Bein die weiße Begrenzungslinie der Bodenmatte, das gab Punktabzug. Am Ende erhielt der Kunstturner vom TSV Unterhaching 14,550 Punkte für seine Bodenübung. Weniger, als er sich gewünscht hätte. Der erste Auftritt des 23-Jährigen bei der EM-Generalprobe der deutschen Riege in Dessau war nicht optimal verlaufen.

In der Anhalt-Arena trafen die deutschen Stars auf eine Auswahl internationaler Topathleten, es war der letzte Stresstest vor der Europameisterschaft in Berlin (siehe beistehenden Bericht). Und für Nguyen war es ein ganz besonderer Stresstest. Ein Test mit Höhen und Tiefen. Er zeigte starke Leistungen am Reck und beim Sprung, aber er hatte zum Beispiel auch noch Probleme am Seitpferd. „Es gibt noch ein paar Baustellen“, sagte Nguyen. „Aber es sind noch ein paar Tage Zeit.“ Am Ende belegte er Platz vier (88,350 Punkte).

Der 23-Jährige wird bei der Europameisterschaft in Berlin im Mehrkampf turnen. Das klingt erst einmal nicht aufregend für einen, der 2010 Deutscher Mehrkampfmeister geworden ist, der seine Stärken an Boden, Reck, Barren und Sprung hat. Das ist aber kein Routinesatz, wenn man noch im Ohr hat, was der deutsche Chef-Bundestrainer Andreas Hirsch vor wenigen Wochen gesagt hatte: „Der Marcel wird bei der EM keinen Mehrkampf turnen.“ Und in Dessau stand Nguyens Trainer Valeri Belenki, zog leicht die Brauen zusammen und sagte: „Wir haben uns lange überlegt, ob er im Mehrkampf starten soll.“

Aber Marcel Nguyen hat sich bemerkenswert zurückgekämpft. Im September 2010 hatte er bei einem Länderkampf einen Wadenbeinbruch erlitten, bei dem sehr schwierigen dreifachen Tsukahara hatte er sich verletzt. Und dann fiel er bis Jahresende aus.

Wie schnell würde er zurückkehren, wie schnell würde er das Bein wieder belasten können? Das waren die entscheidenden Fragen. Nguyen ist ein wichtiger Faktor in den Planungen von Bundestrainer Hirsch. Der Sportsoldat stand in der Riege, die im vergangenen Jahr Mannschafts-Europameister wurde, Hirsch hatte Nguyen nicht ohne Grund Ende 2010 mal als „den talentiertesten deutschen Turner bezeichnet, den wir haben“. Fabian Hambüchen ist bestimmt erfolgreicher, aber vom Potenzial her übertrifft keiner Nguyen. Der wurde 2010 auch noch Deutscher Meister am Barren und Vizemeister am Sprung. Und nachdem sowohl Hambüchen als auch Matthias Fahrig wegen Verletzung für die EM ausgefallen waren, stieg Nguyens Stellenwert natürlich.

Und so begann das große Zittern: Was wird mit dem Deutschen Mehrkampfmeister? Beim Challenge Cup in Cottbus im März wackelte der 23-Jährige am Barren-Finale, danach winkte Hirsch ab. Kein Mehrkampf. Aber gut zehn Tage später turnte Nguyen im Leistungszentrum Kienbaum an allen Geräten, unter erleichterten Bedingungen allerdings. Beim Sprung legten sie eine dicke Matte in die Grube, damit Nguyen bei der Landung besser abfedern konnte. Und der Team- Europameister erzielte eine gute Punktzahl, bald danach schwenkte Hirsch um: Nguyen darf doch im Mehrkampf ran. „Er hat die Chance ins Mehrkampf-Finale zu kommen“, sagte Belenki.

Irgendwann einmal hatte Nguyen sogar optimistisch angekündigt, er werde bei der EM den dreifachen Tsukahara wieder turnen. Eine Illusion, das würde das Bein nicht mitmachen. „Wir haben den Ausgangswert am Boden deshalb reduziert“, sagte Belenki. „Er war mal 6,5.“ In Dessau war er 6,0.

Wenn Nguyen schon wieder alles abrufen könnte, wenn er den dreifachen Tsukahara am Boden zeigen könnte, wenn er den Tsukahara-Abgang am Barren stehen würde, dann würde er zu den Medaillenkandidaten an diesen Geräten gehören. Seinen legendären Tsukahara-Abgang hat er exklusiv auf der Welt.

Aber das Risiko schwingt halt immer mit. Belenki sagt: „Die Frage ist stets: Hält der Fuß die Belastung aus?“

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