Sport : Das russische Modell

Die Leistungsexplosionen vieler Athleten bei der Leichtathletik-EM erregen mehr und mehr Misstrauen

Friedhard Teuffel

Göteborg - Daria Pischtschalnikowa hat vor kurzem ein Vorbild verloren. Die Olympiasiegerin Natalja Sadowa wurde im Mai in Holland positiv getestet und darf nun zwei Jahre nicht mehr den Diskus durch das Stadion werfen. „Das war für uns alle ein Schock“, sagt Pischtschalnikowa über den Dopingfall ihrer russischen Landsfrau. „Gerade wir jungen Werferinnen haben uns an ihr orientiert.“ Doch Pischtschalnikowa hat auch eine Konkurrentin verloren, denn in Sadowas Abwesenheit wurde die 21-Jährige in Göteborg neue Europameisterin.

Am nächsten kam ihr noch Franka Dietzsch, die Weltmeisterin aus Neubrandenburg. „Eigentlich bin ich im Prinzip zufrieden mit der Silbermedaille“, sagt sie. Eigentlich. Im Prinzip. Ihre Weite von 64,35 Metern frustrierte sie gehörig. „Ich weiß einfach, dass ich besser bin.“ Schwere Beine habe sie gehabt. Das kann ihr Trainer Dieter Kollark leicht erklären. „Stress geht beim Menschen nicht auf die Arme, sondern auf die Beine.“ Nach dem Wettbewerb kündigte Dietzsch gleich an, Pischtschalnikowa im nächsten Jahr wieder zu besiegen, doch das wird wohl immer schwerer. „Auf Dauer wird Franka sie nicht halten können“, sagt Kollark. „Die Russin hat unheimlich gute körperliche Voraussetzungen.“

Das ist vielleicht das größte Kompliment, das Kollark ihr machen konnte. Er erkennt jedenfalls ihren Sieg an, und das ist für ihn keineswegs selbstverständlich. „Ich habe schon so viele Russinnen beim Kugelstoßen und Diskuswerfen siegen sehen und hinterher waren sie bei der Dopingprobe positiv.“ Sadowa sei da nur der jüngste Fall, und nach all den Disqualifikationen und Sperren fällt es Kollark schwer, überhaupt noch an die Unschuld der russischen Athleten zu glauben. „In Russland gibt es eine ganz andere Doping-Mentalität. Doping ist dort moralisch längst nicht so geächtet wie bei uns, es steht nicht mal in der Zeitung.“

In Göteborg wird derzeit die Dopingdiskussion am Beispiel der Russen durchdekliniert. Einige persönliche Bestleistungen haben die Russen dort schon aufgestellt, etwa die 10 000-Meter-Siegerin Inga Abitowa, die gleich eine Minute unter ihrer bisher schnellsten Zeit blieb und 30:31,42 Minuten lief. Die spanische Zeitung „El Pais“ zitierte sofort einen spanischen Trainer, der die Natürlichkeit der Leistungen der russischen Mittelstreckenläufer anzweifelte und behauptete, die Athleten nähmen das Blutdopingmittel Erythropoietin in so feinen Dosen, dass man ihnen den Betrug nicht nachweisen könne. Der Name des Trainers stand allerdings nicht in der Zeitung.

Die Verdächtigungen kommen inzwischen auch von hoher Stelle: Frank Hensel, Sportdirektor des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, sagt mit einem Lächeln um die Mundwinkel: „Wir werden so oft nach dem schwedischen Erfolgsmodell gefragt. Warum fragt uns eigentlich keiner nach dem russischen?“ Es sind Bemerkungen wie diese, die das Misstrauen anheizen, aber auch manchen aufregen. Helmut Digel, der Vizepräsident des Internationalen Leichtathletikverbandes, hält solche Äußerungen für „Unsinn“. Er will die russische Leichtathletik nicht gänzlich vom Dopingvorwurf freisprechen, aber er sagt: „Man sollte vorsichtig sein.“ Es gebe Faktoren, die sich begünstigend auf den Erfolg der Leichtathleten in Russland auswirken. Die Motivation sei durch die sozialen Aufstiegsmöglichkeiten besonders hoch und die soziale Absicherung für ehemalige Athleten werde weltweit nur von China übertroffen.

Er könne nicht verstehen, dass jetzt Russland durch die Arena gezerrt werde. „Indizien, dass auf breiter Ebene gedopt wird, gibt es mittlerweile in allen Hochleistungssportnationen“, sagt Digel. Gerade die Deutschen täten gut daran, nicht auf andere zu zeigen. „Wir haben doch mit Manipulationen angefangen, als die Sprinterinnen von Thomas Springstein alle denselben Urin abgegeben haben“, sagt Digel. „Es war doch auch der deutsche Trainer Springstein, der Katrin Krabbe, Grit Breuer und Manuela Derr ein Kälbermastmittel gegeben hat. Wir sollten erst einmal modellhaft zeigen, dass es auch anders geht.“

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