Sport : Das Schicksal kann so schön ironisch sein

FRITZ LOHBERG

MÜNCHEN . Natürlich galt die Geste seiner Frau. Wem sonst zeigt man den Mittelfinger? Und wie anders als erst mit dem Scheibenwischer und dann mit beiden ausgestreckten Mittelfingern sollte man signalisieren, die Angetraute möge später im Hotel vom fünften Stock in den zweiten kommen?

Der unkonventionelle Gruß vor zwei Wochen im Noucamp-Stadion von Barcelona hat Thomas Helmer jede Menge Ärger eingebracht. Am Tag nach dem verlorenen Champions-League-Finale gegen Manchester United hat der FC Bayern München seinen Kapitän suspendiert. Das DFB-Pokalfinale in Berlin gegen Werder Bremen findet am Sonnabend ohne ihn statt. Es war ein wenig stilvoller Abgang, mit dem sich der Kapitän des FC Bayern von seinem Arbeitgeber verabschiedete. Da konnte die Wut eines Ausrangierten so nachvollziehbar sein wie Unverständnis, das Helmer für Trainer Ottmar Hitzfelds Maßnahme empfand, im entscheidenden Moment, der Schlußphase im Champions-League-Finale, nicht ihn, sondern Fink für den ausgelaugten Matthäus zu bringen. "Barcelona", hatte er schon vorher gemutmaßt, "könnte der schlimmste Tag in meiner Karriere werden." Doch daß es so schlimm werden würde, hätte wohl nicht einmal der kluge Helmer geahnt. Mehr noch als der emotionale Aussetzer verwunderte die Art, mit der er sich hinterher rausreden wollte. Doch Fehler einzugestehen, sich öffentlich zu entschuldigen, das ist nicht seine Stärke. Helmer operiert lieber im Hintergrund. Ein unscheinbarer Machtmensch.

Wie ist Helmer wirklich? "Hilfsbereit und ehrlich", wie er es im Jahrbuch über sich selbst behauptet? Oder doch hinterlistig und berechnend? Aufgefallen ist er, der es auf 191 Einsätze für die Bayern brachte, außerhalb des Platzes erstmals bei einer Tischrede in Göteborg. 1995 war das, nach dem Erreichen des Champions-League-Halbfinals, Helmer sprach in Abwesenheit des verletzten Kapitäns Matthäus von "meiner Mannschaft" und forderte, daß Präsident Franz Beckenbauer sich doch bitteschön öffentlich weniger einzumischen habe. Als es dann ein Jahr später darum ging, Matthäus aus dem Kreis der Nationalelf zu verbannen und nochmals ein Jahr später darum, ihn auch als Kapitän beim FC Bayern abzusetzen, stand Helmer wieder in der ersten Reihe. Er gehörte zu den Unterzeichnern eines Faxes der bayerischen Nationalspieler, die Beckenbauer um Maßnahmen drängten, und nach der Veröffentlichung des Matthäus-Tagebuchs befand der Hobbypsychologe Helmer, einem Kranken wie Matthäus müsse man helfen.

Tatsächlich setzte Beckenbauer seinen Ziehsohn Matthäus als Kapitän ab, doch mit dessen Nachfolger im Amte wurde er nie glücklich. Schon die Nebengeschäfte des cleveren Einser-Abiturienten waren der Chefetage suspekt. Ausgerechnet Helmers Berater-Agentur Heinze & Partner vermittelte Christian Ziege vom FC Bayern nach Mailand, auch die Kollegen Zickler und Tarnat gehören zu seiner Klientel. Kann es sein, daß ein BayernAngestellter da Geschäfte auf Kosten des Klubs macht? Schon im Sommer vergangenen Jahres zeichnete sich sein Ende bei den Münchnern ab, im Winter schließlich gab ihm Trainer Hitzfeld den Laufpaß. Helmer sagt, er habe nie eine offizielle Begründung erfahren, außer daß er mit 34 Jahren zu alt sei für ein Top-Team wie die Bayern. Doch Matthäus ist 38 und sagt, er möchte nicht so enden wie Helmer. Das Schicksal kann so schön ironisch sein.

Was bleibt von Helmer in Erinnerung, wenn er dieser Tage seinen Spind geräumt hat an der Säbener Straße? "Daß ich anfangs nicht gedacht habe, daß ich es hier lange aushalten könnte und es später gerne noch länger ausgehalten hätte", gab Helmer zu Protokoll, nachdem er im letzten Heimspiel gegen Bochum letztmals das Bayern-Trikot getragen hatte. Das war ein bewegender Nachmittag für ihn, im Stadion hatte er sich in rührender Pose "vom Rasen verabschiedet und sogar vom Torpfosten" (Helmer), und bei der Meisterehrung hat er den Fans versichert, er bleibe immer Bayern-Fan.

Zum Pokalfinale nach Berlin will er als Fan fahren, "schließlich ist das noch immer meine Mannschaft". Helmer hat dabei für alle sichtbar ein paar Tränen verdrückt. Doch leider ist dies nicht die letzte Geste, die die Bayern-Fans von ihm in Erinnerung behalten werden.

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