Sport : Das schreckliche Jahr

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München (Tsp). Auf ganzen sechs Zeilen wurde die traurige Nachricht gestern verbreitet. In einer schon am Vortag angekündigten Erklärung teilte der FC Bayern München gestern mit, dass Sebastian Deisler ein halbes Jahr lang nicht Fußball spielen kann. Der 22-Jährige wird wegen eines Knorpelschadens im rechten Knie der deutschen Nationalmannschaft und seinem neuen Arbeitgeber FC Bayern frühestens wieder im November, also kurz vor Ende der Bundesliga-Vorrunde, zur Verfügung stehen. Bei einer Operation am Mittwoch hatte der Spezialist Richard Steadman in Vail im US-Bundesstaat Colorado den Schaden in Deislers Gelenk festgestellt und danach eine Spielpause von sechs Monaten empfohlen. Bayern Münchens Mannschaftsarzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt teilte am Freitag schriftlich das Ausmaß der Verletzung mit.

Im WM-Testspiel gegen Österreich hatte sich Deisler am vergangenen Samstag in einem harmlos wirkenden Zweikampf die erneute Verletzung zugezogen und anschließend seine Teilnahme an der Weltmeisterschaft in Japan und Südkorea absagen müssen. Die nun eingegangene Schreckensmeldung machte zunächst auch die Verantwortlichen des FC Bayern München sprachlos. Zunächst gab es außer dem Fax von Müller-Wohlfahrt keine Stellungnahme seitens des Vereins. „Deisler ist noch Spieler von Hertha BSC“, lautete die kuriose Begründung. Zum 1. Juli wechselt Deisler von den Berlinern für neun Millionen Euro zum Rekordmeister. „Natürlich muss man sich Sorgen machen, so lange Deisler noch nicht richtig fit ist“, hatte Manager Uli Hoeneß in einem Interview mit der Münchener „Abendzeitung“ zuvor gesagt.

Einer der Verantwortlichen bei den Bayern nahm dann aber doch noch gestern zu den neuen Entwicklungen Stellung. „Das ist ein großer Rückschlag für uns“, sagte Trainer Ottmar Hitzfeld dem Sportinformationsdienst. Zugleich stellte er aber klar: „Es geht jetzt aber nicht um uns, sondern um Sebastians Gesundheit. Wir haben schon damit gerechnet. Wenn Dr. Müller-Wohlfahrt jemanden nach Vail schickt, dann muss man damit rechnen, dass er operiert wird. Aber wir haben Sebastian für ein paar Jahre verpflichtet und hoffen, dass er uns noch Freude bereiten wird.“

Für Deisler setzt sich die lange Liste von verletzungsbedingten Rückschlägen in seiner jungen Karriere fort. Nach Kreuzband-, Innenband- und Muskelfaserrissen, Leisten- und Kapselproblemen sowie einem Beckenschiefstand war zuletzt sogar über ein drohendes Karriereende des Jungstars spekuliert worden, der als Hoffnungsträger des deutschen Fußballs gilt.

Erst im Oktober hatte sich Deisler von Steadman die Kniescheibe fixieren lassen müssen. Anschließend kämpfte er sich nach Monaten voller gesundheitlicher und deshalb auch psychischer Probleme wieder zurück. Ganze elf Mal kam er in der abgelaufenen Saison für Hertha BSC zum Einsatz. Nun steht Deisler erneut vor einem langen, beschwerlichen Weg zum Comeback.

Am Vertragsverhältnis zwischen dem FC Bayern München und Sebastian Deisler ändere die Verletzungspause nichts, versicherte Deislers Berater Jörg Neubauer. „Sebastian wird nach München ziehen und dort an seiner Rückkehr arbeiten“, sagte Neubauer. Auf Fragen nach einem eventuellen Risiko einer Deisler-Verpflichtung hatte Bayern-Präsident Franz Beckenbauer stets etwas unwirsch reagiert. „Wir haben die besten Mediziner. Die haben das alles im Griff“, hatte Präsident Beckenbauer gesagt – bevor sich Deisler jetzt wieder verletzte.

Es ist bereits die 15. Verletzung in der Karriere des 22-Jährigen. Und es ist eine, die manchem Kollegen schon die komplette Laufbahn gekostet hat. Ein prominentes Beispiel ist Karsten Bäron. Anfang 1993 verletzte er sich, dann folgten über die Jahre hinweg sieben Operationen. Doch der Knorpelschaden erwies sich als irreparabel. Vor knapp einem Jahr gab es in Hamburg ein Abschiedsspiel für Karsten Bäron, der allerdings anfangs einen unbewussten Fehler gemacht hatte. Er hatte die Verletzung nicht richtig ernst genommen, nur kurze Zeit ausgesetzt und dann über lange Zeit wieder weiter gespielt. Ende des Jahres 1993 wurden die Schmerzen stärker, die erste der sieben Operationen folgte.

Knorpelschäden führten auch bei Dortmunds heutigem Meistertrainer Matthias Sammer, Hollands Stürmerstar Marco van Basten und dem Schalker Johan de Kock zum Karriereende. Doch es gibt auch etliche Spieler, bei denen die Verletzung ohne Folgeschäden ausheilte. Marko Rehmer könnte für Sebastian Deisler als positives Beispiel dienen. Der Herthaner hatte nach seinem Wechsel aus Rostock 1999 noch kein Pflichtspiel für Hertha bestritten, als er sich einen Knorpelschaden am Knie zuzog. Erst nach über vier Monaten konnte er wieder spielen. Dass eine derartige Verletzung tatsächlich sehr langwierig ist, zeigen auch andere Beispiele. 1998 fehlte Thomas Doll dem Hamburger SV sieben Monate. Ebenfalls sieben Monate musste Dortmunds Kapitän Stefan Reuter in der Saison 2000/2001 wegen eines Knorpelschadens pausieren.

Die Aussichten sind also eher trübe für Sebastian Deisler. Doch Berater Jörg Neubauer will wenigstens das „Schreckgespenst der Invalidität“ schnell vertreiben. „Das ist eine unerfreuliche Situation. Aber wir vertrauen den Ärzten“, sagte der Manager. Sebastian Deislers Gemütszustand sei „den Umständen entsprechend“.

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